Prof. Dr. Carola Lentz

http://www.ifeas.uni-mainz.de/Illustrationen/Lentz_2016b.jpg

Vita

1954geboren in Braunschweig
1972 bis 1979 Studium der Soziologie, Politikwissenschaft, Germanistik und Pädagogik an der Universität Göttingen und an der Freien Universität Berlin
1979Erstes Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien
1979 bis 1980 Fortsetzung des Soziologiestudiums an der Universität Göttingen; Feldforschung in Bolivien, Mexiko und Ecuador
1982Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien
1982 bis 1985Aufbaustudium der Agrarwissenschaften der Tropen und Subtropen an der Universität Göttingen; Feldforschung in Ecuador
1985Magister der Agrarwissenschaften der Tropen und Subtropen
1987Promotion am Soziologischen Seminar der Universität Hannover
1987 bis 1992Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Berlin am Institut für Ethnologie
1992 bis 1995Habilitationsstipendium der DFG
1996Habilitation am Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften der FU Berlin
1996 bis 2002Professorin am Institut für Historische Ethnologie der Goethe-Universität, Frankfurt a.M.
2000 bis 2001Fellow am Netherlands Institute for Advanced Study in the Humanities and Social Sciences
seit 2002Professorin am Institut für Ethnologie und Afrikastudien der Universität Mainz
2003Fellow am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, Halle
2008 bis 2009Fellow am W.E.B. Du Bois Institute for African and African American Research, Harvard University; Fulbright-Stipendium
2011 bis 2015Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde
2012 bis 2013Fellow am geisteswissenschaftlichen Kolleg „Arbeit und Lebenszyklus in globalgeschichtlicher Perspektive“ an der Humboldt-Universität zu Berlin
seit 2014Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW); seit 2016 Sekretarin der Sozialwissenschaftlichen Klasse der BBAW und Vorstandsmitglied
2015Fellow am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst

Forschungsschwerpunkte

Nationalismus, Ethnizität, Erinnerungspolitik, Mittelklassen, Ethnographie des Staats, Kolonialismus, Bodenrecht, Kulturtheorien

Regional: Westafrika (Ghana, Burkina Faso)

Bericht über die Zukunft der Ethnologie: https://www.youtube.com/watch?v=zWEOu8uwZYE


Veröffentlichungen

Gutenberg Open

Homepage von Prof. Dr. Lentz


Fragebogen

Welche Bibliothek hat Sie bei Ihrer Arbeit in ganz besonderer Weise unterstützt oder Ihr Bild von Bibliotheken geprägt?

Die Melville J. Herskovits Library of African Studies an der Northwestern University, Evanston (USA). Dort konnte ich 1993 ein paar Wochen lang arbeiten. Eine Freihandbibliothek, rund um die Uhr geöffnet, sieben Tage in der Woche, mit sehr freundlichem und hilfsbereiten Bibliothekspersonal – ein Traum!

Welche Online-Angebote schätzen Sie in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit außerordentlich?

Die elektronischen Zeitschriften, die ich über die UB Mainz konsultieren kann. Außerdem den Online-Katalog des African Studies Centre in Leiden (Niederlande), in dem man mit verschiedensten Stichworten nicht nur Bücher, sondern auch Aufsätze recherchieren kann und gute Zusammenfassungen der Texte angezeigt bekommt. Sehr hilfreich!

Welche Bücher haben Sie und Ihr Forschungsinteresse nachhaltig beeinflusst oder Ihnen neue Perspektiven für Ihre Arbeit eröffnet?

Das sind eine ganze Reihe, angefangen von Karl Marx, Das Kapital, bis hin zu neueren Arbeiten über globale Mittelklassen… Jede Lebens- und Schaffensphase hatte ihre eigenen einflussreichen Bücher. Besonders zu nennen wären vielleicht:
Sidney Mintz: Worker in the Cane: A Puerto Rican Life History (1960)
Eric Wolf: Europe and the People without History (1982; deutsch: Die Völker ohne Geschichte. Europa und die andere Welt seit 1400, 1986).
Sidney Mintz: Sweetness and Power: The Place of Sugar in Modern History (1985; deutsch: Die süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers, 1987).
James W. Fernandez: Persuasions and Performances: The Play of Tropes in Culture (1986).
David William Cohen & E. S. Atieno Odhiambo: Siaya: The Historical Anthropology of an African Landscape, 1989.

Welche Arbeiten Ihrer Studierenden haben Sie besonders neugierig gemacht?

Ich habe im Lauf meiner Lehrtätigkeit an die fünfzig Studierende bei Lehrforschungen in Ghana, Burkina Faso und anderen westafrikanischen Ländern betreut. Dabei sind außerordentlich spannende, informative Berichte und Magisterarbeiten (manchmal auch später Doktorarbeiten) entstanden, aus denen ich sehr viel gelernt habe. Aber auch empirische Forschungen, die Studierende in Deutschland zu so unterschiedlichen Themen wie Fußball-Fanclubs, Migrantenvereine, Biographien von Einwanderern, Krankenhaus-Clowns, Heimatclubs oder Frankfurter Fastfood-Restaurants unternommen haben, haben mich auf diese Welten neugierig gemacht.

Welche wissenschaftlichen Studien müssten Ihrer Meinung nach dringend noch geschrieben werden?

Vor allem theoretisch inspirierte Arbeiten, die einen Berg vorhandener empirischer Einzelstudien zusammenfassen, auswerten und neu beleuchten – zu Themen wie globale Mittelklassen, Nation-Building, Erinnerungspolitik und vieles mehr. Solche Studien zu schreiben, ist echte Plackerei und bringt nicht viel Prestige, ist aber enorm nützlich. Denn so vieles an Einzelkenntnissen geht wieder verloren, weil’s keiner liest…

Welche wissenschaftliche Arbeit hat Sie zuletzt nicht schlafen lassen?

Meine eigenen noch ungeschriebenen Texte… Jedes Mal, wenn ich einen neuen Text anfange, treibt mich die ungelöste Frage um, wie beginnen und wie die gute Abfolge finden. Zuletzt bei meinem Buchprojekt Remembering Independence, an dem ich noch arbeite. Das gärt und gärt und überfällt mich manchmal mitten in der Nacht. Auf dem Nachttisch liegen immer ein Notizblock und ein Stift.

Wie würde ein Roman heißen, den Sie gerne schreiben würden?

„Die weiße Dagara. Als Forscherin in Nordwest-Ghana…“… nein, lieber nicht! Bloß kein autobiographisches Schreiben, das zwischen pietistischer Seelenerforschung und heroischem Abenteuerroman mäandert! Wenn ich einen Tonfall dazwischen finden würde, wäre das schon spannend. Aber viel besser wäre, die Lebensgeschichten aus der ghanaischen Mittelklasse, über die ich noch ein wissenschaftliches Buch schreiben will, in einen Roman zu packen.

Hören Sie Musik bei Ihrer wissenschaftlichen Arbeit; wenn ja, welche?

Nein, nie. Wenn ich Musik höre, dann konzentriere ich mich ganz darauf…

Welcher Film hat am ehesten einen Bezug zu Ihrer wissenschaftlichen Arbeit?

Die „Heimat“-Trilogie (1984-2004) von Edgar Reitz und sein neuester Film „Die andere Heimat“ (2012). Hier beleuchtet ein großartiger Regisseur mit anrührenden, sehr schönen Bildern und Episoden ein Stück Zeitgeschichte. Reitz erzählt „große“ Geschichte durch eine Fülle von oft humorvollen, manchmal traurigen und einen immer in den Bann ziehenden „kleinen“ Geschichten - und in Glücksmomenten bleibt die Zeit stehen. So möchte ich gern schreiben können, aber das geht in der Wissenschaft leider nicht, und der Text hat nicht die Polyvalenz der Filmbilder.

Wie sieht die Bibliothek Ihrer Träume aus?

Hell, ruhig, bequeme Lesesessel, gute Tische und Stühle, Blick ins Grüne, großer Freihandbereich zum Stöbern und Entdecken von Unerwartetem, ein gutes Café in der Nähe…