Prof. Dr. Ulrich Breuer (März 2013)

Prof. Dr. Ulrich Breuer
Vita

1959 geboren in Essen
1978 Abitur am Gymnasium Petrinum, Dorsten
1978 bis 1979 Studium der Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
1979 bis 1980 Zivildienst im Altenheim St. Anna, Dorsten
1980 bis 1987 Studium der Germanistik, Philosophie und Erziehungswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
1987 Erstes Staatsexamen
1988 bis 1990 Referendariat
1990 Zweites Staatsexamen
1990 bis 1993 Wissenschaftliche Hilfskraft, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
1994 Promotion zum Dr. phil., Westfälische Wilhelms-Universität Münster
1996 bis 2000 Feodor-Lynen-Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung und Gastprofessor für deutsche Literatur am Germanistischen Institut der Universi­tät Helsinki
2000 Habilitation; Universität Helsinki
2000 Vertretung einer Professur für Germanische Philologie, Universität Helsinki
2000 bis 2003 Professor für Deutsche Literatur und Kultur an der Universität Jyväskylä
2001 Privatdozent für Deutsche Literatur, Universität Helsinki
2002 Emil-Öhmann-Forschungsstipendium der Finnischen Akademie der Wissenschaften
2003 bis 2006 Professor für Germanische Philologie, Universität Helsinki
seit 2006 Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft (Klassik und Romantik, Ästhetische Theorien), Johannes Gutenberg-Universität Mainz
seit 2007 Gründungspräsident der Friedrich-Schlegel-Gesellschaft
seit 2011 Sprecher der Gutenberg-Akademie, Mainz

Forschungsschwerpunkte

- Geschichte und Theorie literarischer Individualität

- Melancholieforschung

- Autobiographisches Schreiben

- Poetologische Konzepte und philosophisch-ästhetische Theorien

- Metaphorologie

- Text- und Paratexttheorie

- Friedrich Schlegel


Veröffentlichungen

Universitätsbibliografie


Fragebogen

Welche Bibliothek hat Sie bei Ihrer Arbeit in ganz besonderer Weise unterstützt oder Ihr Bild von Bibliotheken geprägt?

Die erste Bibliothek, die ich intensiv genutzt habe, war die Pfarrbibliothek meines Heimatortes Lembeck. In dem niedrigen Kellerraum der Kirche St. Laurentius, der nur am Sonntagmorgen geöffnet war, habe ich Woche für Woche im Alter von 9 bis 14 Jahren Karl May, deutsche Science Fiction der 1920er Jahre und Peter Handke ausgeliehen.
Erste wissenschaftliche Literatur habe ich mit 16 Jahren in der lichtdurchfluteten Stadtbibliothek im nahen Dorsten für mich entdeckt.
In den sehr gut ausgestatteten, stillen und traditionsreichen Seminarbibliotheken der Philosophen und der Germanisten meines Studienortes Münster habe ich als Student intensiv Spezialliteratur gelesen, mir aber auch – neugierig an den Regalen entlanggehend – immer wieder einen Überblick über das verschafft, was es sonst noch alles in meinen Fächern gibt. Die Universitäts- und Landesbibliothek der Westfälischen Wilhelms-Universität habe ich in den verschiedenen Phasen ihrer Modernisierung als effektives Arbeitsinstrument genutzt. In ihrem Lesesaal hatte ich zahlreiche Rara aus dem 17. und 18. Jahrhundert in den Händen.
Eine der schönsten, Tradition und Moderne in idealer Weise verbindenden Bibliotheken ist die Finnische Nationalbibliothek in Helsinki. Zu ihren Schätzen gehört die separat aufgestellte Monrepos-Bibliothek aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert.
Für Germanisten in Finnland ist schließlich die wunderbar altmodische Deutsche Bibliothek unverzichtbar, die in einer großen Wohnung untergebracht ist. Leider muss sie von Jahr zu Jahr um ihre Weiterfinanzierung kämpfen.
Mit den Bibliotheken in Mainz habe ich bisher sehr gute Erfahrungen gemacht.

Welche Online-Angebote schätzen Sie in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit außerordentlich?

Subito
Während meiner Tätigkeit als Germanist in Finnland habe ich sehr von diesem Portal profitiert
Bibliotheksverbund Bayern
Auch von diesem Portal habe ich während meiner Tätigkeit im Ausland in hohem Maße profitieren können.
Karlsruher Virtueller Katalog
Heute nutze ich den KVK, der einen raschen Zugriff auf digitale Medien ermöglicht, recht häufig.
Google Books
Die hier gescannten Bücher sind zwar mit Vorsicht zu benutzen, bieten für die Literatur um 1800 aber auch zahlreiche wichtige Aufschlüsse – etwa zu den Paratexten und den typographischen Besonderheiten der Literatur um 1800.

Welche Bücher haben Sie und Ihr Forschungsinteresse nachhaltig beeinflusst oder Ihnen neue Perspektiven für Ihre Arbeit eröffnet?

Bücher haben mich eigentlich immer begleitet. Frühe intensive Eindrücke haben Benjamins Bilderbuch das Märchen Die Gänsemagd und Sebastian Lybecks Latte Igel hinterlassen. Als Kind und Jugendlicher habe ich die Bücher von Gina Ruck-Pauquèt, Alfred Weidenmanns Gepäckschein 666 und die Milieukrimis von Dorothee L Sayers verschlungen. Bald kamen Karl May, Peter Handke, Hermann Hesse und E.T.A. Hoffmann hinzu (die beiden letzteren, weil sie im Regal der Leihbibliothek neben Handke standen).
Zu den intensivsten Lektüreeindrücken unmittelbar vor dem Studium und während des Zivildienstes gehörte Bernward Vespers Die Reise und Rolf Dieter Brinkmanns Rom, Blicke, die damals gerade neu herausgekommen waren. Ins Studium bin ich als glühender Anhänger der Kritischen Theorie gegangen (vor allem Adornos), bis mich die Vorlesungen Hans Blumenbergs ausgenüchtert haben; ich habe alle seine Bücher gelesen, einige auch mehrfach. Während meines Studiums habe ich dann sehr viel Kant und Thomas Mann gelesen, mich aber auch intensiv mit Platon, Descartes, Locke, Goethe, Rousseau und Hölderlin beschäftigt. Für die Melancholieforschung hat mich neben meinem akademischen Lehrer Ludwig Völker die mittlerweile klassische ikonologisch-ikonographische Studie Saturn and Melancholy von Klibansky, Panofsky und Saxl begeistert, während die philosophischen Interessen stark durch die lebensfreundlichen phänomenologischen Untersuchungen meines Lehrers Manfred Sommer bestimmt worden sind. Eine der klügsten und spannendsten germanistischen Untersuchungen, die ich während des Referendariats gelesen habe, war Katharina Mommsens Goethe und die arabische Welt. Mein Verständnis der Germanistik ist durch Klaus Weimars Enzyklopädie der Literaturwissenschaft, durch Helmut Arntzens Polemik Unsinn und Sinn der Germanistik, aber auch durch Arbeiten von Peter Szondi, Gerhard Kaiser und Wilhelm Voßkamp geschärft worden. Neue Perspektiven haben mir während der Promotionsphase Albrecht Koschorkes Geschichte des Horizonts und nach meiner ersten Berufung auf eine Professur Nikolaus Wegmanns Bücherlabyrinthe eröffnet. In jüngerer Zeit hat mich Dirk Baeckers Wozu Kultur?
nachhaltig beeindruckt.

Welche Arbeiten Ihrer Studierenden haben Sie besonders neugierig gemacht?

Die Lektüre von studentischen Arbeiten nimmt inzwischen den größten Teil der Zeit ein, die mir angesichts zahlreicher Verpflichtungen für das Lesen zur Verfügung steht. Da es im philologischen Seminar nicht zuletzt darum geht, Begeisterung für das eigene Fach zu wecken, bin ich auf jede studentische Arbeit neugierig. Oft, wenn auch nicht immer, wird die Neugierde am Ende auch belohnt. Seit meinem Wechsel nach Mainz ist der Betreuungsaufwand immens gestiegen. Unter den zahlreichen von mir betreuten Magister- und Staatsarbeiten sowie Dissertationen finden sich immer wieder höchst innovative Arbeiten, in denen die Begeisterung für das Fach weitergetragen wird.

Welche wissenschaftlichen Studien müssten Ihrer Meinung nach dringend noch geschrieben werden?

Es fehlt an einer Geschichte der erotischen Literatur aus germanistischer Perspektive, die auch deren Nähe und Differenz zur Höhenkammliteratur zu reflektieren hätte.
Ein spezielles Forschungsdesiderat ist nach wie vor der deutsche Schäferroman im Barockzeitalter.
Für das 18. und frühe 19. Jahrhundert müsste die ständeübergreifende Scherzkultur des Rokoko großflächig als kulturelle Formation rekonstruiert werden, weil sie noch von Goethe und der Romantik vielfach als Sozialmodell eingesetzt worden ist.
Weiter fehlt es an einer vergleichenden Studie zur Lyrik Goethes und Hölderlins, die auch die Wirkungsgeschichte beider Lyrikmodelle einzubeziehen hätte, aber auch an einer kultur- und mediengeschichtlich versierten neuen Biographie Friedrich Schlegels, die vor allem sein Spätwerk im historischen Kontext angemessen zu würdigen hätte.
Insgesamt sollten Paratexte intensiver als bisher untersucht werden, weil damit die Schnittstelle von Literatur, Kultur und Medien in den Blick gerät und die Spezifik der Buchkultur gegenüber anderen Formen medialer Repräsentation sichtbar wird.
Schließlich gehört auch das autobiographische Schreiben der 1970er Jahre (Vesper, Brinkmann, Handke, etc.) zu den Forschungsdesideraten der Germanistik, weil sich in ihm ästhetische und politische Impulse in wegweisender Art und Weise neu konstelliert haben.

Welche wissenschaftliche Arbeit hat Sie zuletzt nicht schlafen lassen?

Von atemberaubender Klugheit und ungewöhnlicher stilistischer Brillanz ist Ulrich Raulffs grandiose kultur- und ideengeschichtliche Studie Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben. Sie wirft am Beispiel des George-Kreises und seines Zerfalls ein scharfes Licht auf die hochenergetischen Projektionen, die sich in Deutschland immer schon auf die Literatur gerichtet haben, und zeigt, dass die entsprechenden Energien wenig sozialtauglich sind. Ebenfalls wird deutlich, dass der George-Kreis nicht nur tief in die Germanistik, sondern auch in das politische Leben Deutschlands bis nahe an die Gegenwart hinein ausgestrahlt hat. Das Buch hat mich bis zur letzten Seite in seinen Bann gezogen. Eine ähnliche Faszination strahlt Lothar Müllers medien- und kulturgeschichtliche Studie Weisse Magie. Die Epoche des Papiers aus. Ich bin froh, dass ich noch einige Kapitel vor mir habe.

Wie würde ein Roman heißen, den Sie gerne schreiben würden?

Der Titel würde lauten: Als das Lesen noch geholfen hat. Es ist ein ironischer Roman, vielleicht auch eine Satire. Als Satire müsste sie nicht unbedingt die Form des Romans annehmen ...

Hören Sie Musik bei Ihrer wissenschaftlichen Arbeit; wenn ja, welche?

Bei der konzentrierten fachwissenschaftlichen Arbeit, besonders während des Formulierungsprozesses, aber auch während des Exzerpierens von Fachliteratur oder der Vorbereitung von Lehrveranstaltungen höre ich keine Musik. Das Redigieren eigener und fremder Beiträge wird zum Genuss mit Glucks Orfeo ed Euridice (in der älteren Aufnahme von Karl Richter) oder den Symphonien Gustav Mahlers (in der Neueinspielung durch David Zinman) – unbedingt mit Kopfhörern! Beim Beantworten von E-Mails läuft gelegentlich Leonard Cohen oder Norah Jones. Wenn ich am Abend bei einem Glas Spätburgunder meiner Frau von der aktuellen wissenschaftlichen Arbeit erzähle, lege ich vor allem Jazz auf (Cool Jazz, Hard Bob und Free Jazz) – besonders gerne Miles Davis, am allerliebsten Kind of Blue

Welcher Film hat am ehesten einen Bezug zu Ihrer wissenschaftlichen Arbeit?

Filme haben mich seit jeher fasziniert. Mein starkes Interesse an den 70er Jahren ist nicht zuletzt durch Peter Zadeks Ich bin ein Elefant, Madame, Alain Tanners Jonas qui aura 25 ans l’an 2000, Patricia Moraz’ Les indiens sont encore loin und Christopher Petits Roadmovie Radio on motiviert. Während des Studiums habe ich mich für Marcel Carnés Les enfants du paradis, die Filme Fellinis und andere Highlights der Münsteraner Programmkinoszene begeistert. Grundprobleme der Fiktionalität literarischer Texte lassen sich ausgezeichnet an Woody Allens Komödie The Purple Rose of Cairo verdeutlichen.
Wer sich für die Melancholie interessiert, kommt an den traurigschönen Filmen des vor einem Jahr verstorbenen Theo Angelopoulos kaum vorbei.
Aufgrund der atmosphärischen Dichte und der perfekten Ästhetik seiner Filme schätzen meine Frau und ich sowie unsere Kinder die Filme des Regisseurs Michael Mann (Heat, Insider, Collateral, Miami Vice, Public Enemies) in besonderer Weise. Sie haben auch meine wissenschaftliche Arbeit inspiriert.

Wie sieht die Bibliothek Ihrer Träume aus?

In einem klar und ansprechend gestalteten Gebäude sind sämtliche Bücher frei recherchierbar und offen zugänglich. Kompetente und entspannte Mitarbeiter freuen sich über knifflige Fragen. Jedes Buch und jeden Beitrag gibt es wahlweise auch als PDF mit Volltextrecherche. Basisliteratur der einzelnen Fächer ist an separaten Standorten frei zugänglich konzentriert. Für jeden Nutzer stehen stille, angenehm beleuchtete Leseplätze mit Internetzugang bereit. Die Bibliothek meiner Träume verkürzt und erleichtert den Weg von der Rezeption zur Produktion medialer Artefakte (insbesondere von spannenden neuen Büchern), indem sie die Nutzer durch eine helle und freundliche, das Gespräch befördernde Cafeteria und eine ansprechende Umgebung zum Bleiben einlädt: Der Blick schweift über das Buch oder den Bildschirm hinaus aus dem Fenster, ein Vogel wäre nicht schlecht, der aus dem Laubwerk eines Strauches auftaucht, vielleicht eine Amsel, und man sieht ihr nach, während sie wegfliegt:

„Wenn du eine Rose schaust,
Sag, ich laß sie grüßen.“