Aus Anlass der 75-jährigen Feier ihrer Wiedergründung nahm die Johannes Gutenberg-Universität die bildende Künstlerin Katharina Fischborn in den Kreis 75 herausragender Alumni- und Alumnae-Persönlichkeiten auf. Diese revanchierte sich mit einer aufwändigen Überarbeitung der knapp 800-seitigen Jubiläumsfestschrift und verwandelte das Buch in ein opulentes künstlerisches Unikat.
Die bereits mit dem Stadtdrucker-Preis 2006 im Mainzer Gutenberg-Museum gewürdigte Zeichnerin begab sich mit ihrer Arbeit entlang den Blatt für Blatt gewendeten Buchseiten gleichsam auf eine historische Zeitreise parallel zu ihrer eigenen Biographie. Nach ihrem Geburtsnamen taufte sie das Werk „Freyzeichen“, das sie 2022 als Geschenk an ihre Alma Mater überreichte. Heute ist es Teil der universitätsgeschichtlichen Sammlungen des Universitätsarchivs.
In Anlehnung an das vom Telefonieren vertraute „Freizeichen“ wählte Katharina Fischborn den Titel als Synonym für ihre autonome zeichnerische Herangehensweise, die durch freihändige Linienführung, reduzierte Formensprache und ihre Verbundenheit mit der Ästhetik des Bauhauses charakterisiert ist. Fischborn erlebte ihr eigenes (vergleichsweise spät begonnenes) Studium an der damaligen Akademie für Bildende Künste als Zeit der Freiheit und persönlichen Selbstentfaltung. In der Klasse für Zeichnung von Prof. Dieter Brembs fand sie ihr Ausdrucksmittel, das sie parallel zur Druckgrafik mit unermüdlichem Arbeitseifer vorantrieb und seither in abstrakten Bildserien, unzähligen Collagen, Wandobjekten, Installationen und Büchern zum Vorschein bringt.
Die Komplettgestaltung der JGU-Festschrift bleibt jedoch ein einzigartiges und unwiederholbares künstlerisches Projekt, wie sich bereits an dem förmlich überquellenden Volumen des Bandes ablesen lässt. Absichtsvoll vermied Katharina Fischborn eine konventionelle Verzierung des äußeren Einbands. Stattdessen arbeitete sie sich vom Vorsatz(papier) über das Inhaltsverzeichnis bis zum Impressum Doppelseite für Doppelseite durch den Buchblock hindurch und collagierte den Satzspiegel mit unzähligen filigran geschnittenen Transparentpapieren (sog. Skalpellzeichnungen aus farbbedrucktem Japanseidenpapier). Diese können Text und Fotos verdecken, umgekehrt aber bestimmte Passagen oder Details auch rahmend hervorheben. Mal konvergieren Zeilen und Linien, ein andermal konkurrieren sie miteinander. Mit anderen Worten: Die Künstlerin lässt den Inhalt des Buches nicht „unangetastet“, erwidert gleichsam ihre innere Berührung und signalisiert damit zugleich ihr starkes persönliches Interesse daran.
Copyright: Katharina Fischborn
Größe, Gestalt, Farbe und Rhythmus der Überklebungen zeigen beim vorsichtigen Durchblättern eine jeweils überraschende Variationsbreite. Diese reicht von filigranen Farbsplittern, die sich wie bunte Lesezeichen (Reiter) an den Rändern und am Buchschnitt platzieren, bis zu streifenweise ausgeschnittenen und sich überlappenden Flächenrastern, die Architekturfassaden und ihren Fensteraufteilungen nacheifern. Insbesondere lassen sie die Gedanken erahnen, welche die Künstlerin entlang den jeweiligen Kapitelthemen und Abbildungen zu ihren teilweise augenzwinkernden Eingriffen angeregt haben. So führt ihre künstlerische Bearbeitung nicht nur zur sichtlich quantitativen Anreicherung des ohnehin schon umfänglichen Opus, sondern auch zu einer Art nonverbaler Kommentierung, ja beinahe einem intimen Zwiegespräch mit seinen Inhalten und Episoden, die in der Architektur des Bandes im doppelten Sinne des Wortes geschichtet sind.
Insgesamt betrachtet folgt die so entstandene Transformation der Festschrift zum Künstlerbuch auch einer persönlichen Lesereise und Reflexion über eine Zeitspanne, die mit der Vita der Künstlerin beinahe übereinstimmt: Rückblick auf Kulturgeschichte aus subjektiv gestaltender Perspektive.
Literatur
Katharina Fischborn, PROJEKTEBUCH, Stadtdrucker-Preis der Stadt Mainz (Texte von Dieter Brembs u. Eva-Maria Hanebutt-Benz), Mainz 2007
https://gutenberg-netzwerk.uni-mainz.de/projekte/75aus75/katharinafisch…
https://www.magazin.uni-mainz.de/jgu-festschrift-wird-zum-monumentalen-…
https://katharina-fischborn.de/