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Universitätsbibliothek Mainz

Zeitzeugenerinnerungen

Der Forschungsverbund Universitätsgeschichte betrachtet es als einer seiner wichtigsten und vornehmsten Aufgaben das vorhandene lebendige Wissen ehemaliger Angehöriger unserer Universität zu dokumentieren und für die Nachwelt zu bewahren.

Es wurden in verschiedenen Projekten Zeitzeugenrinnerungen gesammelt, die wir Ihnen im Folgenden vorstellen möchten:

Publizierte Zeitzeugenerinnerungen

Die Geschichte der ZMK-Klinik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ist ein Musterbeispiel für die Aufbauleistungen nach dem II. Weltkrieg wie auch für die Entwicklung der modernen Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Diese Klinik ist nach 1946 aus dem Nichts entstanden und konnte nur durch gemeinsame Bemühungen von Universität, ihren Lehrenden und den Studierenden verwirklich werden.

Karlheinz Kimmel:
Die Klinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Johannes Gutenberg-Universität Mainz 1948-1968

Beiträge zur Geschichte der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Neue Folge - Zeitzeugenerinnerungen
Band 1
1. Auflage 2007
28 S., 13 s/w Fotos. Kartoniert
€ 16,00 / €(A) 16,50 / sFr 27,20
ISBN 978-3-515-09094-0

Schriftliche Zeitzeugenerinnerungen an die Frühzeit der Universität

Anfang November 1948 kam ich als frischgebackener Abiturient aus Bernkastel-Kues in das stark zerstörte Mainz und betrat die Johannes Gutenberg-Universität um Mathematik, Physik und Chemie zu studieren. Ich hatte großes Glück, denn durch einen Bekannten erhielt ich bald einen Platz in einem Drei-Bett-Zimmer im Dachgeschoß der ehemaligen Flak-Kaserne. Hier konnte man günstig wohnen, musste aber für Essen und die täglichen Dinge des Lebens selbst sorgen. In der Mensa wurde natürlich auch Essen angeboten, aber soviel Geld hatten wir ein halbes Jahr nach der Währungsreform (40 Deutsche Mark als „Kopfgeld“) nicht. Viele Studenten gingen deshalb zu einer bestimmten Baracke auf dem Universitätsgelände „hoovern“. Dort gab es für sehr wenig Geld ein Eintopf-Mittagessen der  „Hoover-Speisung“, eine von den Amerikanern eingerichtete Hilfsmaßnahme für deutsche Studenten (benannt nach dem damaligen US-Präsidenten Herbert Hoover). Abends aß  man Brote oder versorgte sich „warm“ in der Teeküche des Studentenheims (meistens mit Nudeln oder Reis). 

Die Vorlesungen begannen. Jeder Student musste im 1. Semester auf dem Universitäts-Freigelände Aufräumungsarbeiten leisten, weil die vorher dort stationierten französischen Besatzungstruppen dieses ziemlich verwahrlost zurückgelassen hatten. Für die Physikstudenten war es Pflicht, ein handwerklich-technologisches Praktikum in Metallbearbeitung (Feilen, Schweißen, Drehen) zu absolvieren. Aus „Trümmermetall“ wurden dann für die Praktika einfache physikalische und chemische Gräte hergestellt.

Für uns Neulinge war das Studium Generale besonders interessant. Zusätzlich zum Hauptstudium wurden kostenlos Vorlesungen aus verschiedenen Disziplinen wie Philosophie, Kunstgeschichte, Naturwissenschaften (z. B. bei dem bekannten Atomwissenschaftler Prof. Dr. Strassmann) angeboten.  

Ende eines jeden Semesters war es möglich, Fleißprüfungen in einem der Pflichtfächer zu machen. Bei positivem Ergebnis erhielt man dann Gebührenerlaß oder eine Barbeihilfe.
 
Auf dem Universitätsgelände gründeten die beiden christlichen Kirchen Studentengemeinden. Die katholische Studentengemeinde feierte den Gottesdienst in einem als Kapelle umgestalteten Kellerraum im Hauptgebäude der ehemaligen Kaserne. Dort probte auch eine Choralschola und ein Singkreis. Der katholische Studentenpfarrer Dr. Strasser besprach regelmäßig neu erschienene religiöse und profane Literatur des In- und Auslands, vor allem solche, die im Dritten Reich in Deutschland verboten war. Viele Studenten besuchten diese Vorträge mit großem Interesse, ebenso die Konzerte des Collegium Musicum mit seinem Dirigenten Prof. Dr. Ernst Laaf.
 
Inzwischen hatten sich an der Universität auch politische Gruppierungen gebildet. Zum Aufbau einer studentischen Mitverwaltung wurden die Studenten zu Wahlen von Fakultätsräten und zur Wahl eines Studentenparlaments aufgerufen. Im Wintersemester 1952/53 und im Sommersemester 1953 war ich Sprecher der Naturwissenschaftlichen Fakultät und Vizepräsident des Studentenparlamentes. Dadurch bekam ich Einblick in die Arbeit der studentischen Mitverwaltung. 

Bei all den oft großen Schwierigkeiten, die bei der Wiedereröffnung der Universität Mainz auftraten, darf man die erfreulichen und schönen Dinge nicht unerwähnt lassen. Beispielsweise wurde auf dem Universitätsgelände, wie in Mainz üblich, unbeschwert Fasnacht gefeiert. Auch das von Studenten gegründete Kabarett mit Hans Dieter Hüsch war allseits beliebt.
 
Ein Höhepunkt in der Entwicklung der wiedereröffneten Universität war der Besuch des Bundespräsidenten Theodor Heuss in Mainz (17. Januar 1953). Dort nahm er an der Einweihung des „Domus Universitatis“ teil und besuchte auch die Universität.

Wenn ich über meine Studentenzeit in Mainz (1948 – 1954) berichte, so will ich den Einfluß Frankreichs auf die Wiedereröffnung der Universität Mainz nicht unerwähnt lassen. 
Der damalige Prorektor Adalbert Erler hat im Wintersemester 1946/47 mit Recht betont, es stehe einmalig in der Geschichte da, „dass eine siegreiche Nation schon wenige Monate nach Kriegsende im besetzten Land die Errichtung einer neuen Hochschule nicht nur genehmigt, sondern sogar hilfreiche Hand für ihren Aufbau“ (1) geleistet habe.
 
In diesem Zusammenhang möchte ich über einen Ferienkurs berichten, zu dem Anfang 1950 das „Hochkommissariat für kulturelle Belange der Generaldirektion der Republik Frankreich in Deutschland“ einlud. So konnte ich an einem internationalen Studententreffen Mainz-Aix-en-Provence teilnehmen und wurde stolzer Besitzer einer Teilnahme-Urkunde „Rencontre internationale d´ètudiants Mayence-Aix-En-Provence 15 Aoút – 15 Septembre 1950“. Dieser Ferienkurs war meines Wissens das erste rheinland-pfälzische Studententreffen nach dem Krieg. 

Am 15. August 1950 fanden sich auf dem Campus der Universität Mainz etwa 35 Studentinnen und Studenten aus Frankreich, Deutschland, Schweden, Belgien und einem Studenten aus Tunesien ein, um am nächsten Morgen zu einem zweiwöchigen Aufenthalt in Bacharach/Rhein aufzubrechen. Von dort aus machten wir nicht nur  Exkursionen in die nähere und weitere Umgebung an Rhein und Mosel, sondern wir wanderten, diskutierten über „Gott und die Welt“, sangen internationale Lieder und machten die ausländischen Teilnehmer mit den Weinen der Region bekannt. Nach den zwei  Wochen ging es über Mainz mit der Bahn nach Aix-en-Provence, wo wir in der Cité Université wohnten. Eine wunderschöne Zeit, insbesondere für die nichtfranzösischen Studenten, begann. Bei Exkursionen in die Umgebung von Aix-en-Provence lernten wir die schöne Landschaft von Südfrankreich kennen. An einem Abend fand ein offizieller Empfang im Office du Tourisme statt. Für uns Deutsche war es besonders eindrucksvoll, so kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs in Frankreich mit ausländischen Studenten zusammen zu sein. 

Ein anderes positives Ereignis in der schwierigen Anfangszeit der Universität war für mich die Begegnung mit Prof. Dr. Hans Rohrbach, Professor für Mathematik. Er gehörte zu denjenigen Professoren, die am Ende des Krieges von der deutschen Karls-Universität Prag vertrieben wurden und in Mainz Aufnahme fanden. Er machte uns im letzten mathematischen Oberseminar den Vorschlag, auf freiwilliger Basis sich mit dem deutschen Theologen und Universalgelehrten Nikolaus Cusanus (1401 – 1464) zu befassen, was wir auch taten. Es waren für uns Teilnehmer interessante und lehrreiche Stunden, seine mathematischen Gedankengänge kennen zu lernen. Besonders erfreulich war, in dieser kleinen Runde persönlichen Kontakt mit Prof. Rohrbach zu bekommen.  

Es ließe sich noch manches herausragende Ereignis dieser Zeit berichten, aber ich möchte damit meinen Bericht abschließen.  

(1) Helmut Mathy: Die Universität Mainz 1477 –1977. Mainz, 1977, S. 291.

Das Studium in Mainz im Jahr 1946 und auch noch einige Jahre danach hatte Besonderheiten, die man heute, so glaube ich, nur richtig verstehen kann, wenn man etwas von der Vorgeschichte damaliger Studenten, also auch von meiner, weiß.  
1927 wurde ich in Breslau als Tochter eines Ingenieurs geboren. Nach je vierjährigem Besuch der Volksschule und der Mittelschule des Ursulinenklosters in Breslau trat ich, nach Schließung aller konfessionellen Schulen durch die Nazis, in die Obertertia der König-Wilhelm-Schule in Breslau ein. Ich verlebte eine sehr glückliche Kindheit, in der ich wirklich alles hat-te, was ich brauchte oder mir wünschte. Auf unserem Motorboot verbrachten wir fast jedes Wochenende und auch ganze Ferien auf der Oder. Ich war eine große Schwimmerin und bin bei vielen Wettkämpfen, auch Deutschen Meisterschaften, mitgeschwommen. 

1944 aber wurden alle Schulen geschlossen. Ich kam Anfang November, nach Einsatz in einem Rüstungsbetrieb, zum Reichsarbeitsdienst und wurde auf einem Bauernhof in Oberschlesien eingesetzt. Bei dieser, wie auch bei einzelnen nachfolgend beschriebenen Erinnerungen greife ich nicht nur auf meine Aufzeichnungen und meinen Lebenslauf zurück, sondern auch auf ein nicht publiziertes Interview, das 1998 Sabine Klapp, die mit Dozentin Dr. Hedwig Brüchert zusammenarbeitete, mit mir führte.

Im Januar 1945 bin ich aus dem Arbeitsdienst vor den Russen geflohen, hinein in einen Zug voller Verwundeter. Mit Rucksäcken, die wir uns im Arbeitsdienst aus unseren Kopfkissen genäht hatten, drängten wir uns in die Viehwaggons des Zuges. Als der Zug plötzlich in Breslau anhielt, floh ich weiter zu unserer Wohnung, die voller für mich fremder Menschen war, die auf irgendeine Fahrmöglichkeit warteten, um noch aus Breslau herauszukommen. Meine Familie hatte die Wohnung schon verlassen. Mit einer alten Zinkbadewanne voller Einmachgläser und Kartoffeln gelang mir bei eisiger Kälte die weitere Flucht nach Liegnitz. Mein Vater hatte einen Lastwagen vermitteln können, mit dem wir die tiefwinterlichen Straßen befuhren, auf denen sich zu Fuß flüchtende Menschen drängten. Dort traf ich endlich meine Mutter und meine beiden Schwestern. Mit diesen bin ich dann von Liegnitz nach Görlitz bis ins Erzgebirge nach Marienberg weitergeflohen. Wir schliefen dort zusammen mit einem Hund in einem kleinen schmalen Zimmer. Wir erlebten die Russen erstmalig am Tag der Kapitulation. Von da an hielten wir Frauen uns versteckt und waren in ständiger Angst, von den Russen entdeckt zu werden. Mein Vater war zuletzt an der Ostfront eingesetzt gewesen und kam nach der Kapitulation, um viele Jahre gealtert, über die Tschechei zu uns. Aus der russischen Zone sind wir dann, mit zwei selbstgebauten Leiterwagen mühsam und oft in Lebensgefahr über die „Grüne Grenze“ bei Hof zu den Amerikanern gestoßen. Main Vater hatte keine Kräfte mehr und musste von uns, auf dem Leiterwagen liegend, transportiert werden. 

In Bayern recht unfreundlich aufgenommen, zogen wir mit unseren Leiterwagen weiter nach Westen, über Koblenz nach Mayen in der Eifel, dem Geburtsort meiner Mutter. Von der Schwägerin meiner Mutter aufgenommen, lebten wir dann mit bis zu 18 Personen in dem stark zerstörten Haus der Großeltern ohne Strom und ohne Wasser. Wir mussten das Wasser weit weg holen, wir hatten aber Kartoffeln und Öl und dadurch haben wir nicht soviel Hunger gelitten. Es ging uns , für die damaligen Verhältnisse, sehr gut und dadurch, dass unter uns alles geteilt wurde, ergab sich, darüber hinaus, ein wunderbares Gefühl des Aufgehobenseins.

Noch im Jahr 1945 wurden wir alle sehr krank, aber auch durch tatkräftige Hilfe anderer ist alles gut über die Bühne gegangen: Meine Großmutter, der Bürgermeister und der Pfarrer halfen. Mein Vater hatte immer noch keine Existenz und wir waren drei Kinder ohne Ausbildung. Mein Bruder kam später, nach 3-jähriger französischer Kriegsgefangenschaft, noch dazu. Ich hatte von Breslau her nur meine Versetzung in die Oberprima, konnte dann aber, zusammen mit vielen heimgekehrten Kriegsteilnehmern, mein Abitur in Mayen machen.
 
Irgendwann, Anfang 1946, ist meine Mutter nach Mainz gefahren, da dort eine Universität eröffnet wurde. Sie hat dann ein Gespräch mit Rektor Josef Schmid gehabt und sie, ich weiß nicht wie es ihr gelungen ist und ob eine Ersatzwährung im Spiel war, kam nach Mayen zurück und hatte für mich einen Studienplatz in der Tasche. Meine Mutter hat mich also in Mainz immatrikuliert. Sie hat damals auch in der Stadt irgendwelche Leute angesprochen, ob sie nicht ein Bett für mich hätten. Sie kam dann also zurück und hatte auch eine Unterkunft für mich und die war in Gonsenheim.

Nach dem ersten Semester habe ich mich von der naturwissenschaftlichen Fakultät zu der Medizinischen Fakultät umgemeldet. Da alle Medizinstudenten zunächst auch Naturwissenschaften, also Physik, Chemie, Biologie, studieren müssen, konnte ich ohne Verlust von den Naturwissenschaften zur Medizin überwechseln. 

Mit Papier und Büchern war es damals sehr schlecht bestellt. Ich schrieb die Vorlesungen nach auf alten Kontobüchern meiner Großeltern. Dieses gelbe Papier habe ich geschnitten und zusammengebunden. Bücher hatten wir überhaupt keine.

Wir hatten einen ganz phantastischen Professor für Anatomie, Professor Dabelow, der ein ausgezeichneter und begeisterter Zeichner war. Er stand jeden Tag an der Tafel. Er hatte die Fähigkeit, zweihändig zu malen. Wenn er dann beispielsweise das Gehirn an die Tafel malte, dann tat er es mit zwei Händen. Es ging  sehr symmetrisch zu. Wir haben alles mitgemalt und mitgeschrieben. Die ungeheizten Hörsäle waren sehr voll und wir saßen auf den Stufen. Hinsichtlich der Kleidung war es angenehm, dass nicht nur wir selbst keinen Reichtum hatten sondern alle, die mitstudierten, auch nichts. Keiner brauchte und konnte dem anderen etwas vormachen, wir waren alle sehr zufrieden.  

Aus den Briefen, die ich damals an meine Eltern geschrieben habe, wird mir im nach hinein, wieder bewußt, wie viel Hunger wir hatten. Alle Briefe drehen sich darum, wo kriegen wir was zu essen her? Wir haben damals schon ziemlich Hunger gelitten.

In der Anfangszeit habe ich bei der Familie gewohnt, die meine Mutter angesprochen hatte. Die Miete kostete damals 25 Reichsmark. Es war sehr kalt in dem Zimmer. Ich habe mich angezogen ins Bett gelegt, mich dick zugedeckt und trotzdem noch sehr gefroren. Bald hatte ich die Möglichkeit , in die Universität zu ziehen und zwar in diese Dachkammern. Wir wohnten, sage und schreibe, mit vier Mädchen in einem kleinen Zimmerchen. Es gab immer ein Bett und einen Sekretär und wieder ein Bett und einen Sekretär und einen kleinen Tisch in der Mitte. Daneben gab es eine kleine Kochküche. Dort kochten wir dann immer unser Süppchen. Wenn wir sehr gefroren haben, stellten wir einen Kocher unter den kleinen Tisch  und unsere Füße drunter. Eine ältere Dame, die uns bewachte, durfte nicht entdecken, dass wir da etwas Heißes unter dem Tisch hatten. 

Während die Männer bei der Trümmerbeseitigung helfen mussten, mussten wir Mädchen soundsoviele Arbeitsstunden in der Küche ableisten. Dazu gehörte unter anderem auch Kirschenernten und zu zwanzig in der Küche entkernen. 

Es gab damals schon eine Mensa, aber man konnte wenig darin kaufen, beispielsweise Brötchen auf Brotmarken Eine Zeitlang gab es auch regelmäßig Spinat und ich konnte ihn schließlich nicht mehr sehen. Aber wir sind relativ häufig nach Hause gefahren, weil wir auf dem Rückweg immer Lebensmittel mitgenommen haben. Dazu gehörten auch irgendwelche Suppen, die meine Mutter gekocht hatte oder Brotaufstrich, z. B. Leberwurstaufstrich aus Maggi und Haferschleim, den sie fabriziert hatte. 
Mittags traf ich mich regelmäßig mit anderen Studenten, meist aus Mayen, in der Mensa und wir haben uns dort aufgewärmt. Da ich so ziemlich die einzige Studentin aus Mayen war, brachten sie mir immer ihre kaputten Strümpfe mit, die ich dann  gestopft habe. Es war immer sehr fröhlich und wir waren alle zufrieden.  

Die finanzielle Situation war nicht einfach. Mein Vater hatte noch längere Zeit keinen Verdienst. Erst als aus Breslau alte Monteure zu ihm kamen, hat er wieder angefangen, als Heizungs-Ingenieur Aufträge anzunehmen. Ich musste ja Studiengebühren bezahlen und das war relativ viel. Von den Eltern bekam ich Beträge so um 30 Mark. Die Miete kostete 25 Mark, ein Brötchen kostete 3 Pfennig. In einem Ausgabenbuch habe ich alle Sachen mühsam aufgeführt.

Lehrbücher, in denen der Vorlesungsstoff nachgelesen werden konnte, gab es in dieser Anfangszeit der Universität nicht. Es gab auch noch keine Universitätsbibliothek. So hat man praktisch alles Wesentliche über die Vorlesungen der Professoren erfahren. Abgesehen von kleinen Abschriften hat man mitgeschrieben, mitgemalt. Zu Hause haben wir es dann in Hefte übertragen. Ich habe wunderschöne Gemälde von allen Organen gemalt und dadurch habe ich es mir auch sehr gut einprägen können.  
Wir haben hervorragende Professoren gehabt. Zum Beispiel Professor Watzka, der kam von Prag her, eine Seele von Mensch. Die Professoren waren uns alle sehr zugetan.   

Es gab dann auch die ersten Stipendien. Man musste dazu eine Fleißprüfung machen. Wir haben eigentlich keine Vorlesung versäumt, weil wir uns auch prüfen lassen mußten. Wir fingen morgens um acht Uhr an und haben dann bis mittags durchgearbeitet. 
Ich hatte Bekannte drüben in Schierstein und habe versucht, oft in diese Familie mit 5 Kindern zu kommen. Der Familienvater war Doktor Mainka, der schon in Schlesien ein sehr gastfreundliches Haus gehabt hatte. Zu seinen vielen Kindern kamen immer Kinder von außerhalb dazu; alles was sie hatten, haben sie mit uns geteilt. 

Als Räume für unsere Vorlesungen hatten wir unter anderem die Aula und das Auditorium maximum. In unserem Freundeskreis waren Frauen und Männer. Wir waren eine ganz große Clique und mussten morgens immer sehen, dass wir im Hörsaal Platz bekamen. Es waren immer zwei, die für den ganzen Freundeskreis freigehalten haben. Meist saßen wir auf den Stufen. 
Mit unserem Freundeskreis haben wir viele Fahrradtouren gemacht, so in die Eifel, an den Bodensee. Im Rahmen eines Austausches mit französischen Studenten waren wir auch in Frankreich  und kamen auf unseren alten Rädern in einer wunderschönen Reise nach Paris, Bordeaux und bis an die Biscaya,

Wir haben damals schon sehr viele allgemeine Vorträge gehört, Vorläufer der Vorlesungen des Studium Generale. Regelmäßig hörten wir Professor Holzamer, Philosophie, es gab wunderbare Musikstunden und es gab Professor Gerke, der Kunstgeschichte vortrug. Diese Vorlesungen waren überlaufen. So war es nicht nur die Medizin, die uns glücklich machte. Wenn an der Universität Konzerte stattfanden, die ersten Konzerte in Mainz, dann saßen wir draußen auf dem Mäuerchen und haben alles mitgehört. Wir waren so hungrig auf Bildung, dass wir alles mitgenommen haben.

Mein Mann hat mitstudiert vom ersten Semester an. Er kam immer angefahren von Hattersheim. Seine Eltern stammten aus Mainz und waren ausgebombt, sie hatten keine Wohnung mehr in Mainz gefunden und wohnten so in Hattersheim. Er kam jeden Morgen von dort angefahren und lief von Kastel bis zur Universität hoch und am Abend wieder zurück nach Kastel. Damals waren das keine Entfernungen, das war selbstverständlich.

Vom Leben in der Stadt haben wir nicht viel mitbekommen. Mainz war eine ganz arme Stadt, eine selten arme Stadt. Wir liefen sehr ärmlich herum. Die Männer hatten noch ihre alte Soldatenkluft. Es gab rotkarierte Bettwäsche und daraus habe ich mir ein fesches Dirndl genäht. Die Schürze war aus einer alten roten Hakenkreuzfahne geschnitten. Wenn wir mal elegante Leute sehen wollten sind wir nach Wiesbaden auf die Wilhelmstraße gefahren. Dort gab es schöne Schaufenster und, im Gegensatz zu Mainz, gut gekleidete Menschen.   

Wir haben unser Studium selbst finanzieren müssen. Es gab stellenweise Stipendien, aber das Leben kostete ja auch etwas. Wir haben also nebenbei gearbeitet. In Mainz gab es von Anfang an die Fasnachtsbälle und wir versuchten, uns dort irgendwie zu betätigen. Ich habe mich für die Fasnachtssitzungen im Schloß gemeldet und alle Präsidenten dort miterlebt. Man hat mir angetragen, Zigaretten zu verkaufen und ich fand überhaupt nichts dabei. Ich lief also mit einem Bauchladen herum, in dem alle Zigarettensorten drin waren. Die haben wir dann wäh-rend der Sitzungen verkauft und es kam immer ein bisschen was zusammen. Wir haben dann auch Zigarettenmarken bekommen. Zigarettenmarken waren auf dem Schwarzmarkt sehr teuer. Ich habe zwar auch geraucht, aber zum Teil meine Zigaretten verkauft, es waren immer so kleine Beträge, die es dafür gab.  
Als ich dann schon eingeweiht war im Schloß, kam ich zu höheren Diensten. Ich habe dann hinter der Sektbar gestanden und Sekt ausgeschenkt. So hat sich die Nacht, je nachdem wie man ausgegossen hat, schon mehr gelohnt. Das waren dann auch wieder nette Erinnerungen. Die Leute kannten einen schon alle. – Wir haben auch gearbeitet, wenn irgendwelche Ausstellungen waren oder haben Luftballons verkauft. Oder wir haben in der Sparkasse gearbeitet und zwar in den Nächten, wenn das Jahr zu Ende ging und die Bilanzen gemacht werden mussten. Wir mussten ja Studiengebühren zahlen und wollten nichts verpassen. 

Zum Abschluß der vorklinischen Semester mussten wir dann das Physikum machen. Mit dem Abschluß der Klinischen Semester hatte ich dann, trotz allem, das Studium sehr schnell durchgezogen. Ich machte 1951 mein medizinisches Staatsexamen. Obwohl ich durch die Flucht Zeit verloren hatte, war ich also mit 24 Jahren fertig. Ich habe dann sofort mit meiner Ausbildung angefangen und zwar in der Kinderklinik. Zunächst war ich in der Mainzer Kinderklinik bei Professor Köttgen tätig. Dann war ich in Wuppertal, das damals die modernste Kinderklinik in Deutschland hatte.

1955 habe ich geheiratet. 14 Monate nach der Geburt unseres Sohnes kam die Tochter auf die Welt. Danach habe ich die Facharztausbildung - es fehlten mir noch 3 Monate - abgeschlossen und, nach einer kurzen Pause, als Kinderärztin für das Gesundheitsamt gearbeitet. Ich organisierte erstmals in Mainz Reihenuntersuchungen bei den vierjährigen Kindern aller Kindergärten des gesamten Stadtgebietes. Ich prüfte die Sprache der Kinder und führte mit entsprechenden Testgeräten Seh- und Hörprüfungen durch. Da es damals noch keine vorgeschriebenen Vorsorgeuntersuchungen bei Kindern gab und auch meine Testgeräte noch wenig im Einsatz waren, konnte ich viele Kinder noch vor der Einschulung zu einer fachärztlichen Behandlung weiterleiten. Mit 62 Jahren ging ich in den Ruhestand, um jüngeren Kollegen Platz zu machen. 

Meine erste Bekanntschaft mit dem Campus der Universität habe ich bereits vor 1945, also vor der  Universitäts-Wiedergründung,  gemacht. In der Endphase des zweiten Weltkriegs hatten wir in einer der damaligen, staatlich organisierten Jugendgruppen, so jung wir mit unseren 12 Jahren waren, für den Nachschub auf dem Flak-Turm des Luftwaffenstützpunktes, einem späteren Wahrzeichen der Johannes Gutenberg-Universität, zu sorgen.  

Davor lag das Einzelschicksal einer in Vorkriegs- und  Kriegszeit heranwachsenden Generation: 1933 in Bad Homburg geboren, besuchte ich dort 1939 – 1944 Volks- und Oberschulen und legte dann 1953 das Abitur am Mainzer Schloß-Gymnasium ab. Ein prägendes Erlebnis der Kriegszeit war für mich, dass ich, als Mainz nach dem schweren Luftangriff 1944 brannte, allein mit einer zwölfköpfigen Jugendgruppe unser brennendes Apothekenhaus am Gautor zu räumen hatte. Dieses Haus stammte noch aus dem Jahr 1375, seine berühmte Haus-Madonna war nach Darmstadt gegeben worden, wo sie allerdings dann durch eine Phosphor-Brandbombe angesengt wurde. Am gleichen Tag brannte auch die eng benachbarte Barockkirche St. Stephan aus. Anderthalb Jahre später, im Februar 1945, wurde der fertig gestellte Notbau des Apothekenhauses erneut, diesmal von 3 Sprengbomben, getroffen. Nach Notunterbringungen drei Häuser weiter und der Einrichtung eines Arzneimittellagers in der Stephanskirche hat mein Vater dann 1951 das Apothekenhaus wieder aufgebaut. Die damals noch vorgeschriebene zweijährige praktische Zeit habe ich, ebenso wie später das Approbationsjahr in der elterlichen Gautorapotheke abgeleistet. Während der Pharmaziepraktikantenzeit begann ich schon mit der Anlage meines zunächst 300 Heilpflanzen umfassenden Herbariums; heute, nach weiten Reisen in beinahe alle Teile der Welt, erstreckt es sich auf sechzehn Leitz-Ordner. 

Mein Start 1955 als Student an der wiederbegründeten Mainzer Universität war von dem Ratschlag meines Vaters beeinflusst, im ersten Semester, so wie er selbst es einstens in Straßburg getan hatte, auf jeden Fall an der Universität breite Umschau zu halten, und, vor allem, Vorlesungen außerhalb des eigentlichen Studienfachs zu hören. So habe ich bei meinem Studienbeginn 1955 insbesondere Vorlesungen in evangelischer und katholischer Theologie und innerhalb dieser Fächer über den Islam gehört. In meinem eigentlichen Studienfach, Pharmazie, hatte ich zwar einen Laborplatz belegt, wurde aber, zumindest im ersten Semester, vor Ort, nur am ersten und letzten Semestertag gesehen. Zu meinen Semesterkollegen gehörten damals noch einzelne Kriegsteilnehmer, ein ganzer Teil der Semesterkollegen war bereits verheiratet. 

Ab dem zweiten Semester habe ich dann ganz regulär die empfohlenen Vorlesungen und vorgeschriebenen Praktika besucht. Und ich habe, damals nicht unüblich, von morgens sehr früh bis abends spät im Labor gearbeitet und hatte schon in fünf Semestern die Praktika beendet ohne je ein Problem mit Zwischenprüfungen  zu haben. Mit dem Kustos des pharmazeutischen Instituts, Dr. Hochstätter, kam ich gut zurecht, bei Problemen war er immer ansprechbar, sehr konstruktiv und hilfsbereit. Das damalige pharmazeutische Institut in einem Altbau am Johann Joachim Becher-Weg angesiedelt, war spärlich mit Gläsern und Laborgeräten ausgestattet. Ich habe deshalb in der Apotheke vorhandene Geräte ins Labor gebracht, wo sie natürlich auch, glücklicherweise nur vorübergehend, andere Liebhaber fanden. 

Der Institutschef, Prof. Hans Rochelmeyer , kam jede Woche einmal in jedes Institutslabor, hat sich die laufenden Versuche angeschaut und sich mit jedem, den er gekannt hat, unterhalten. Aber er kam auch immer wieder in unsere Apotheke und hat sich dort mit uns unterhalten. Ich konnte ihm  zwanglos erzählen, was ich in Vorlesungen und Praktika nicht verstanden hatte. Wenn ich ihn bei analytischen Problemen, etwa einer unerwarteten Ausfällung, fragte: „Hab` ich das richtig gemacht?“, kam häufig, mit Autorität, die sehr bestimmte Antwort: „Nein, das muss so gemacht werden!“ 

Mein Vater war sehr an Botanik interessiert; nach Kriegsende war er zum Naturschutzbeauftragten der Stadt Mainz ernannt worden, das Glacialrelikt „Gonsenheimer Sand“ war sein besonderes Anliegen. Daraus ergaben sich intensive Kontakte mit den systematischen Botanikern, den Professoren Wilhelm Troll, Hans Weber und  Klaus Stopp. 

Der oberste Gärtner der Universität Hohmann, der insbesondere für Neuanlagen des Botanischen Gartens zuständig war, und ich selbst waren begeisterte Motorradfahrer, die auf den Strassen von ganz Rheinhessen zu Hause waren. In den Anfängen unserer 30jährigen Bekanntschaft fuhren wir häufig gemeinsam zum Gonsenheimer Sand und ich zeigte ihm dort Standorte der gesuchten Glacialrelikt-Pflanzen, an denen ohne Bestandsschädigung Entnahmen möglich waren. Die  systematische Zuordnung hatte ich jeweils überprüft. So habe ich auf meine Weise am Aufbau des „Mainzer Sand im Botanischen Garten der Universität“ mitgewirkt. 

Zugute kamen mir insbesondere die speziellen Kenntnisse in systematischer und allgemeiner Botanik, die ich als regelmäßiger Begleiter der pharmazeutischen Praktikanten-Exkursionen meines Vaters aber auch bei den umfangreichen studentischen Exkursionen der Professoren Troll und  Stopp erworben hatte. Ich erinnere mich gerne an die freundlich befehlenden Anweisungen und Fragen von Troll zu Beginn der Excursionen: „Du stehst neben mir!“, „Wo ist dann die Pflanz`?“. Schon einige Jahre vor dem Tod meines Vaters im Jahr 1971 führte ich dann die Exkursionen selbständig fort. 

Die meinem Vater und mir bekannten Pflanzenfundorte haben teilweise eine bis ins Mittelalter zurückgehende Geschichte. Zugrunde liegt die Auffindung eines alten Kräuterbuchs. Beim Arbeiten in Landau in den 10er Jahren stieß mein Vater auf ein Kräuterbuch von Hieronymus Bock  aus dem 16. Jahrhundert mit genauer Angabe vieler Pflanzenfundorte, auch in der näheren und weiteren Umgebung von Mainz. Mein Vater und später ich haben diese Fundorte überprüft und, zu unserem Erstaunen, waren sie in den meisten Fällen über die Jahrhunderte hinweg erhalten geblieben. Bei späteren Exkursionen und Reisen haben wir die Fundorte fortlaufend ergänzt. Den damaligen Kanzler, Fritz Eichholz, habe ich häufiger auf dem Campus besucht und wir unterhielten uns über studentische Alltagsprobleme. 
Bei den Physikern Gerhard Klages und Karl Bechert hörte ich Fach-Vorlesungen. Von Bechert habe ich ein Seminar in Erinnerung, in dem jeder Anwesende physikalische Fragen stellen durfte, auf die er bereitwillig und gut verständlich antwortete. 

In Vorlesungen erlebte ich auch den Pharmakologen Prof. Gustav Kuschinsky, der vor seiner Mainzer Zeit Professor in Shanghai und Prag gewesen war und der mit dem Ausspruch „Bei Arzneimitteln ohne Nebenwirkung besteht der Verdacht, dass sie auch keine Hauptwirkung haben!“ noch heute gerne zitiert wird. Wenn ich ihn nach der Vorlesung etwas fragte, beschied er zunächst väterlich „Komm her, Bub!“.

Dem später als deutscher Entdecker einer praktisch anwendbaren und standardisierten Dünnschichtchromatographie bekanntgewordenen Egon Stahl begegnete ich während meiner Studienzeit als Vorlesungsassistent. Mich begeisterten, schon in dieser Frühzeit der Dünnschichtchromatographie, die Schnelligkeit und Direktheit der Ergebnisse hinsichtlich der Zusammensetzung von Pflanzenextrakten. Nach der Habilitation von Egon Stahl war die Nutzung des einzigen der Pharmazie zur Verfügung stehenden Hörsaals nicht ohne Probleme und Stahl hat relativ schnell das Institut zugunsten des Lehrstuhls in Saarbrücken, auf den er berufen wurde, verlassen.  

Den Chemiker Fritz Strassmann habe ich in Vorlesungen und in einer abschließenden Prüfung erlebt. Ich fuhr damals mit dem Motorrad und in einem (alten Militär-)Ledermantel zur Universität. Das mir sehr kostbare Besitzstück nahm ich mit in die Strassmann-Vorlesung und legte es immer auf dem Stuhl neben mir in der ersten Reihe. Strassmann begrüßte mich denn auch in der letzten Prüfung: „Sie sind doch der neben dem Ledermantel in der ersten Reihe!“.

Kraftfahrzeuge waren auf dem Campus zu Beginn meines Studiums etwas Seltenes. Es gab zunächst dort nur 2 Motorräder und 3 Autos. Während meines Studiums hat sich die Zahl der Fahrzeuge stark vergrößert. Das Motorrad war auch mein Fortbewegungsmittel bei der Knüpfung internationaler Kontakte. In der Tradition meines Vaters, der 1911 – 1913 in Japan als Apotheker gearbeitet hatte und nach seiner Rückkehr über Korea und mit der transsibirischen Eisenbahn dreizehn Länder bereist hatte, habe ich, während und nach dem Studium viele Auslandsreisen gemacht. Ich besuchte Apotheken in Frankreich, Spanien, den Beneluxländern, Italien, Jugoslawien und Griechenland. Lange vor dem EU-organisierten Studentenaustausch, hatten wir in der Apotheke französische und japanische Pharmazeuten als „Gaststudenten“. 

Das besondere Interesse an systematischer Botanik hat mein Leben  zu Ende meines Studiums und danac  geprägt. Noch während des Studiums führte ich eine Abschlussarbeit über Galium verum und Stachys recta durch, die mit dem Hattingen-Preis ausgezeichnet wurde. Nach Erhalt der Approbation als Apotheker 1959 stand sicher meine ausgedehnte Tätigkeit als Offizin-Apotheker und meine berufspolitische Arbeit im Vorstand von Landesapothekerverein und als Vizepräsident der Landesapothekerkammer im Vordergrund. Ab 1975 habe ich darüber hinaus, drei Jahrzehnte lang, mit zwei Prüferkollegen, die Pharmazieabsolventen im dritten und abschließenden Abschnitt des pharmazeutischen Staatsexamens geprüft. Aber ich fand daneben noch die Zeit, eine „Bibliothek“ alter Kräuterbücher, auch in Fortführung der umfangreichen Sammlung meines Vaters, aufzustellen. Das Studium echter alten Bücher vieler vergangener Jahrhunderte ist sicher mit ein Grund gewesen, dass ich neben dem Lehrauf-trag  „Medizinische und pharmazeutische Nomenklatur“ über viele Jahre hinweg einen Lehrauftrag über „Geschichte der Naturwissenschaften unter besonderer Berücksichtigung der Pharmazie“ an der Mainzer Universität wahrgenommen habe. 

Die Liebe zu Pflanzen hat bei mir auch zu einer zwischen Kunst und Sammeln liegenden Liebhaberei geführt. Zur Abbildung von Pflanzen kann  neben  zeichnerischen und photographischen Methoden auch der Naturselbstdruck von Pflanzen dienen. Ich habe diese Druckweise seit meinem Studium mit Begeisterung angewandt und verfüge heute über die wohl größte Sammlung von Pflanzenselbstdrucken der Welt. In Japan habe ich acht Jahre lang jährlich Vorträge über Naturselbstdruck gehalten. Ich lernte in Japan sehr berühmte Naturselbstdrucker kennen, die teilweise noch meinen Vater von seinen Vorträgen über Heilpflanzen kannten, aber sich selbst, im Gegensatz zu mir, mit dem Naturselbstdruck von Fischen befassten. Seit 2001 bin ich Ehrenmitglied der „Nature Printing Society“ in Santa Barbara/USA. Naturselbstdruck und alte Kräuterbücher werden bei einem Ausscheiden aus der praktischen pharmazeutischen Tätigkeit einen wichtigen Teil meiner Liebhabereien bilden. 

Mein später Studienbeginn zu Beginn der 50er Jahre war vor allem durch Kriegsereignisse verursacht. Dazu kamen Schulaufnahmetermine und Schuljahresumstellungen, bei denen sich die „Ungnade der späten Geburt“ (im Juli 1928) auswirkte. 

Mein Heimatort Straelen am Niederhein liegt nur wenige Kilometer von der holländischen Grenze entfernt. Nach dem schnellen Vormarsch der alliierten Truppen wurden die Schulen im Spätsommer 1944 geschlossen. Als Schüler wurden wir im sogenannten „Fronteinsatz West“ eingesetzt, um Panzer- und Schützengräben auszuheben und Kurierdienste für Wehrmachtsstäbe zu machen. Dabei wurden wir häufig von feindlichen  Tieffliegern beschossen. Schon anderthalb Jahre vorher war ich von der Stadtverwaltung als Polizeimelder berufen worden. Wir mussten im Bunker neben dem Rathaus Telefonverbindungen schalten, Einsatzbefehle der Feuerwehr und der Luftschutzorgane weitergeben, Sirenen schalten und – wenn der Strom ausfiel – hin und wieder mit der Handsirene durch die Straßen laufen. In der Einflugschneise der angloamerikanischen Bomber wohnend, waren wir fast ständig im Einsatz, versuchten aber trotzdem pünktlich zur Schule zu kommen. Der Zug zur Schule wurde häufig von Jagdbombern beschossen, so daß wir schließlich einen Wagen mit Flak angehängt bekamen. 

Als im Frühjahr 1944 eine Musterung zur Waffen-SS angekündigt wurde, habe ich mich freiwillig als Offiziersbewerber zur Kriegsmarine gemeldet; im Spätherbst wurde ich zu einer vormilitärischen seemännischen Ausbildung als Offiziersbewerber der Marine nach Glücksburg einberufen. Dort war ich anschließend als Hilfsausbilder tätig, nachdem ich, wenige Tage vor Weihnachten, nach einer dreitägigen strengen Prüfung in Stralsund, endgültig als Offiziersbewerber der Marine angenommen worden war. Meinen Truppenteil am Marinestandort Waren/Müritz habe ich wegen der Kriegsereignisse im April 1945 nicht mehr erreicht. Ich erwähne diese Begebenheit so ausführlich, weil ein bedeutender Schriftsteller vor einiger Zeit von einer ähnlichen Situation berichtete, die allerdings nicht so glücklich verlief. 

Zum Studium nach Mainz kam ich, weil der Andrang zum Medizinstudium zu jenem Zeitpunkt besonders groß und im bevölkerungsreichsten Land NRW die Universitäten Köln/Bonn und Münster (in Düsseldorf nur klinische Semester) völlig überfüllt waren; für das Fach Medizin bestanden dort Wartezeiten. Mainz wurde mir von Bekannten empfohlen, da dort die Anzahl der Studenten gering und die „Hörsäle halbleer“ seien. Tatsächlich waren damals in Mainz nur wenig über 3000 Studenten immatrikuliert. Überfüllte Hörsäle habe ich dann erst später in Bonn erlebt. Zur Bewerbung um einen Studienplatz für Medizin war eine Vorstellung beim Dekan der  Medizinischen Fakultät erforderlich und das war damals Professor Kliewe, ein sehr freundlicher und sympathischer Mann, zu dem man beim Vorstellungsgespräch in kurzer Zeit sehr großes Vertrauen gewann.  

Mainz war zu dieser Zeit sicherlich kein begehrenswerter Studienort. Die Stadt war total zerstört und man konnte über die Trümmer hinweg von der Kaiserstraße bis zum Dom sehen. Schwerste Zerstörungen gab es auch in anderen deutschen Städten, aber während dort schon fleißig geräumt worden war und etwas vom Wiederaufbau zu spüren war, tat sich in Mainz doch recht wenig. Man sagte damals, an dieser Stagnation sei die französische Besatzungsmacht schuld. Ich, der ich aus der damaligen britischen Zone kam, glaubte aber auch einen Mangel an Motivation zu erkennen. Anders an den Gebäuden der Universität: Die Schäden an der ehemaligen Kaserne, die von Bomben weitgehend verschont geblieben war, wurden insbesondere durch den Einsatz von Studenten bald beseitigt und es wurden durch Umbauten die Voraussetzungen für einen universitären Lehrbetrieb geschaffen. Es fehlte aber der „Geruch“ einer Universität und im Geiste hörte man an vielen Stellen noch das Getrampel von „Knobelbechern“. Wie ein relativ moderner Kasernenbau so ist – er war ja erst im Krieg erstellt worden – war alles sehr nüchtern und schmucklos. Etwas netter war die „Taverna“, ein ehemaliges Offizierskasino. Dort gab es sogar weiß gedeckte Tische, und man konnte nach einer Speisekarte bestellen. Wegen der Preise konnte man sich das aber nur gelegentlich leisten. In der Mensa gab es nur ein Einheitsessen und das war sehr einfallslos. In der Hauptsache ernährten wir uns mit einer Flasche Milch und einem trockenen Brötchen.

In den ersten Jahren waren die Einwohner der Stadt den Studenten auch nicht besonders freundlich zugetan. Sie waren es ja nicht gewohnt, Universitätsstadt zu sein und mit Studenten zu leben. Wir spürten an allen Ecken, dass wir als Fremdkörper empfunden wurden. Daß die Universität ein Aushängeschild und ein Wirtschaftsfaktor sein könnte, haben die Mainzer lange nicht erkannt. Eine Universitätsstadt, von der unsere Väter schwärmten, gab es zu der Zeit nicht. Dazu brauchte es noch viele Jahre.  

Natürlich war die Lage auf dem Wohnungsmarkt denkbar schlecht. Wegen der Zerstörungen konnte man in der Stadt selbst kaum eine Wohnung bekommen. Man musste also in die Vororte oder aufs Land, wo viele Studenten froh waren, ein Dach über dem Kopf zu haben, aber teilweise mit Waschgelegenheit und „Plumpsklo“ über den Hof. Es gab natürlich auch ein paar komfortablere Wohnungen. Aber die waren dünn gesät und teuer; der Preis spielte so kurz nach der Währungsreform doch eine erhebliche Rolle. Solche Wohnungen wurden in der Regel auch nur unter Freunden und Verwandten weitergeben. Ich hatte Glück und fand eine Wohnung in einem umgeräumten Wohnzimmer eines Einfamilienhauses im Grünen in Kostheim-Siedlung bei einer fürsorglichen Wirtin, die gegen einen Unkostenbeitrag von 1 DM eine vorzügliche italienische Pasta zubereitete. Und außerdem erwartete sie von mir, am Abend eine Partie Canasta mit ihr zu spielen, was ich natürlich erstmal lernen musste. Aber es ab ein Verkehrsproblem. Die letzte Straßenbahn fuhr um 21 Uhr, die Anschlußverbindungen waren denkbar schlecht. Da ich nicht immer Canasta spielen und auch mal an einem Verbindungsleben teilnehmen wollte, bin ich dann doch schnell wieder auf die linke Rheinseite gewechselt. Nach zwei Fehlversuchen und einem kurzen Abstecher nach Bonn, von dem ich aus Sehnsucht nach meiner jetzigen Frau zurückkehrte, habe ich durch einen Studienfreund auch eine der begehrten Wohnungen gefunden.

Die Vorlesungen in den vorklinischen Semestern liefen in einem eher schulmäßigen Rahmen ab, was wohl auch der damaligen Zeit entsprach. Sei Kriegsende und seit der Wiedergründung der Universität waren nur wenige Jahre vergangen. Viele Professoren kamen aus den deutschen Ost-Gebieten und mussten sich hier fast gleichzeitig zu einem Lehrkörper zusammen finden, und in der zerstörten Stadt eine einigermaßen adäquate Wohnung suchen. Zu dieser Zeit mangelte es ja noch an allen Enden. Aber es waren sehr gute Lehrer, die nach Mainz gekommen waren: Prof. Dabelow in Anatomie I, II, III etc. Entwicklungsgeschichte und Histologie bei Prof. Watzka, einem bemerkenswerten Mann. Die beiden Präparierkurse fanden wegen der Temperaturen nur im Winter statt und zwar im Dachgeschoß des Anatomischen Instituts, wo es dann auch wirklich kalt war. Aber wir waren zu dieser Zeit ja noch ziemlich abgehärtet. Montags tränten uns ständig die Augen, nachdem die zu präparierenden Objekte über das Wochenende im Formalinbad gelegen hatten. Eine gute Bekannte kann seit dieser Zeit keinen Tafelspitz mehr essen. Die vor jedem Wochenende fälligen Testate wurden von Assistenten aber auch von Hilfsassistenten abgenommen, wobei  letztere sich häufig darstellen wollten und die Kursteilnehmer entsprechend „zwiebelten“. Physiologie habe ich bei Prof. Schriever und Physiologische Chemie bei Prof. Lang gehört. Sehr interessant, weil lebhaft und praxisnah war das physiologische Praktikum von Prof. Kreienberg. Prof. Klumb hielt die Vorlesungen und Praktika in Physik, Prof. Troll die in Botanik. Prof. Strassmann sahen wir als freundlichen Nobelpreisträger und freuten uns an  seinen interessanten Chemievorlesungen. Das Vorphysikum, bei dem man die naturwissenschaftlichen Prüfungen nach 2 – 3 Semestern vorwegnehmen konnte, war zu unserer Zeit gerade abgeschafft worden. So mussten wir im Physikum alle Fächer innerhalb einer Woche ablegen, das waren 2 Prüfungen täglich. Als Studenten hätten wir schriftliche Prüfungen lieber gesehen, denn nicht jeder ist ein ruhi-ger Prüfungstyp und nicht jeder Professor ein geschickter Prüfer. Bei den studentischen Kolleginnen – zur damaligen Zeit gab es nur wenige – kursierte ein Skript mit Notizen wie beispielsweise „bei Prof. X Lippenstift empfohlen, bei Prof. Y auf keinen Fall“. Die klinischen Semester verliefen in Mainz eigentlich ohne Besonderheiten. Obwohl das „Städtische Krankenhaus“, noch lange Jahre in Mainz das „Städtische“ genannt, erst bei der Wiederbegründung der Universität zur Universitätsklinik erhoben worden war, hatte diese damals schon einen sehr guten Ruf und war mit ausgezeichneten Lehrkräften besetzt: Innere Medizin mit den Prof. Voigt und Duesberg, Chirurgie mit Prof. Brand, Pathologie mit Prof. Klinge, Hy-giene und Bakteriologie mit Prof. Kliewe, Frauenheilkunde und Geburts- Hilfe mit Prof. Schwalm, Haut mit Prof. Keining, Augenheilkunde mit den Prof. Jess und Wagner, Psychiat-rie mit Prof. Kranz, Gerichtsmedizin mit Prof. Wagner, Hals-Nasen-Ohren mit Prof. Leicher. Oberärzte mit teilweise sehr gutem Vortrag waren die Prof. Burkhard, Gros und Friedberg. Besonders interessante Persönlichkeiten, aber im Staatsexamen gefürchtet waren Prof. Kschinsky (Pharmakologie) und Prof. Köttgen (Kinderheilkunde). Etwas Pech hatte ich mit meiner Doktorarbeit. Mein Doktorvater, den ich auf Empfehlung meines späteren Schwiegervaters gewählt hatte, überredete mich zu einer experimentellen, viel Zeit kostenden Arbeit. Die zu untersuchenden Leberkranken wurden oft sofort von der Klinik in Sanatorien oder in Versorgungskuranstalten (Spätheimkehrer aus der Gefangenschaft) verlegt und waren dann bisweilen nicht mehr erreichbar.  

a mein Vater CVer war, versuchte ich schon im ersten Semester entsprechende Kontakte zu Verbindungen zu knüpfen. Schließlich entschied ich mich für die CV-Verbindung Rhenania-Moguntia, wo ich dann auch mehrere Chargen bekleidete. Das Verbindungsleben war damals weit entfernt von der vielbesungenen Burschenherrlichkeit. Farben durften in der Öffentlichkeit nicht getragen werden und die große Mehrheit der Studenten lehnte die Verbindungen, auch die katholischen und insbesondere die farbentragenden, als reaktionär ab. Da es in Mainz keine studentische Tradition gab, hatten wir keine Unterstützung durch die Bevölkerung. Verbindungshäuser gab es nicht und wir mussten in der noch schwer zerstörten Stadt die Räume für Veranstaltungen oft wechseln. Den Unterschied eines Verbindungslebens konnte ich erkennen, als ich nach dem Physikum ein Semester in Bonn verbrachte und dort Gast bei der CV-Verbindung Bavaria war mit einem schönen Verbindungshaus und einem Hausmeisterehepaar, das, dank einer spendefreudigen Altherrrenschaft, mit täglichem Mittagessen für das Wohl der Studenten sorgte.

Trotzdem habe ich die Studentenzeit in Mainz genossen. Man lebte in einer Zeit des Aufbaues nach dem Krieg und freute sich über jede auch noch so kleine Verbesserung. Da unsere Eltern unser Studium bezahlen mussten, sahen wir uns auch in der Verpflichtung dem gerecht zu werden. Nur weil ich bereits 1953 eine Mainzer Jurastudentin kennen lernte, die heute meine Frau ist, habe ich auch den Rest meines Studiums in Mainz absolviert.  

Die schriftlichen Zeitzeugenerinnerungen wurden im Auftrag des FVUG von Friedrich Moll erfasst und von Marcus Giebeler bearbeitet.

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Dr. Christian George
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