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Universitätsbibliothek Mainz

01.06.2019

Lesesaal wegen Überfüllung geschlossen

Noch vorsichtig wirft die Sonne ihre ersten Strahlen durch die kleinen Fenster. Schon jetzt steht die Luft im Raum und ist zum Schneiden dick. Trotzdem traut sich niemand eines der Fenster zu öffnen. Um mich herum herrscht lautes Schweigen. Alle sind still, doch man hört das Geräusch von gedachten Gedanken, das Klappern von Stiften, das Blättern von Seiten und natürlich hustet irgendwer irgendwo. Dazu kommt eine klaustrophobische Enge – alle Plätze des Raums sind belegt. So kann ich nicht arbeiten!

Kommt euch das etwa bekannt vor? Natürlich könnte diese Szene aus der GFG-Bibliothek zur Prüfungszeit stammen – abgesehen natürlich von den kleinen Fenstern. Aber ich möchte euch heute mitnehmen in die Anfangsjahre der Universitätsbibliothek (UB). In eine graue Vorzeit vergangener Tage, als an Jacken im Lesesaal noch nicht zu denken war und man für Fernleihen noch eine Schreibmaschine brauchte.

Unter Druck entstehen Diamanten

Denn heute vor 55 Jahren wurde das Gebäude der heutigen Zentralbibliothek (ZB) eröffnet – das auch dringend benötigt wurde. Bis dahin war die UB noch im heutigen Forum untergebracht. Der Lesesaal, der sich damals über dem dortigen Torbogen befand, versprühte zwar einen gewissen Charme, doch mit nur 90 Plätzen war er natürlich bei Weitem zu klein, um alle Lesewilligen aufzunehmen. Und auch die Öffnungszeiten waren ausbaufähig (werktags 09.30-12.30, 13.30-18 Uhr, samstags 09.00–12.00 Uhr, außerhalb dieser Zeiten war die Tür zu und kein Zugang zu den Büchern möglich). Daher hieß es öfter mal: „Der Lesesaal ist wegen Überfüllung geschlossen“.

Außenansicht Zentralbibliothek in den sechziger Jahren
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Außenansicht Zentralbibliothek in den sechziger Jahren

Auch in Sachen Literatur hatte die Zentralbibliothek ein schweres Los gezogen. Denn während andere Bibliotheken wie Freiburg oder Heidelberg nur die im Krieg verlorenen Bücher ersetzen mussten, startete man in Mainz bei Null. Zum Glück brachten die Alliierten Laster voller Bücher nach Mainz, damit man wenigstens einen Grundbestand hatte. Allerdings wurden viele davon zuvor bei lokalen Nazigrößen beschlagnahmt und waren somit nicht unbedingt für den Wissenschaftsbetrieb geeignet. Die Bibliothek kam so zwar zu einigen interessanten Beständen (wer beim Schmökern in unseren Büchern schon einmal die Stempel „Marinebibliothek Kiel“ oder „Reichsleiter Bormann“ gesehen hat, weiß, was ich meine), aber auch zu viel nationalsozialistischem Mist. Ein paar Ausgaben von „Mein Kampf“ oder Alfred Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“ mögen für die historische Forschung noch ganz sinnvoll sein – aber gleich 20 und mehr...? Dazu kommt der hohe Anteil an „Gebrauchsliteratur“. Denn natürlich fanden auch die Privatbibliotheken einiger Lehrer den Weg nach Mainz und so gab es ganz viel bildungsbürgerliches wie Schiller und Goethe-Werkausgaben. Leider aber nicht als wissenschaftliche Edition, sondern eher in Ausgaben für den täglichen Gebrauch. Doch wer wenig (passendes) hat muss vieles kaufen und so platzten die Magazine der UB im Forum bald aus allen Nähten.

Dieser Weg wird kein leichter sein

Aber Mainz bleibt Mainz und deswegen war es nicht so einfach, der JGU ein neues Bibliotheksgebäude zu verschaffen. Denn die Prioritätenliste der Universitätsbauleitung hatte einige Neubauten auf dem Zettel, die ihr deutlich dringender schienen als eine neue, zentrale Bibliothek mit ausreichenden Leseplätzen. Diese fand sich auf Platz 34 der Prioritätenliste und somit hinter dem Bau eines Schwimmbads und einer Sporthalle am Campus. Und auch die Meteorologen drängten zwar ebenfalls auf eine neue Bibliothek, aber doch nicht an diesem Ort. Denn der geplante Neubau verstellte ihnen den Blick in den Taunus, der für die Wetterforschung wohl von größerer Bedeutung schien. Und wäre es nach dem Kultusministerium gegangen, hätte gar nicht neu gebaut werden sollen. Die Bib wäre dann in das Gebäude am Binger Schlag eingezogen, das bereits die Kunstgeschichte und die Musik beherbergte (die Älteren unter uns erinnern sich). Also außerhalb des Campus‘ und Wand an Wand mit der Orgel, die den Musikstudenten zum Üben diente – was sicherlich zu einer Ode an die Freude bei den paukenden Studis im Lesesaal geführt hätte.

Eins, zwei, drei Neubau komm herbei

Doch mit dem ersten Spatenstich am 15. August 1960 – „ohne Feierlichkeit“, wie Bibliotheksdirektor Hermann Fuchs in seiner Eröffnungsrede betonte – wurde schließlich doch ein Bibliotheksneubau in Angriff genommen. Fuchs‘ Pensionierung wurde sogar verschoben, damit er die Bauleitung übernehmen konnte. Die eigentlichen Geschäfte der UB oblagen ab 1962 dem neuen Direktor Hermann Sauter.

Gebaut wurde ein klassischer, dreigeteilter Bibliotheksbau. Er teilt sich in einen Verwaltungsbau mit den Büros der Bibliotheksangestellten, einen Magazinturm zur Aufbewahrung der Bücher und einen Publikumsteil mit Ausleihtheke und Lesesaal. Anders als heute, sollten die Nutzer_innen nur letzteren überhaupt betreten können. In der Halle des Gebäudes (dort wo heute die Computer stehen) reihten sich die großen, schweren Schränke des Zettelkatalogs für die Literaturrecherche. Die Signatur jedes einzelnen Buchs war dort auf Kärtchen verzeichnet, bestellt und ausgeliehen wurde über die Theken. An eine computergestützte Ausleihe, und das möglicherweise von daheim oder unterwegs, war damals natürlich noch nicht zu denken.

Voll besetzter Lesesaal in den sechziger Jahren
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Voll besetzter Lesesaal in den sechziger Jahren

Das klingt zwar wohldurchdacht, war aber schon damals nicht mehr Stand der Dinge. Den Trend des Freihandmagazins, der von den USA herüberschwappte, verschlief man in Mainz. Seitdem arbeitet die UB fieberhaft daran, dem alten Gebäude, das heute die Zentralbibliothek beherbergt, neue Tricks beizubringen, um aus der schlafmützigen Planung der 60er ausreichend Stell- und Arbeitsflächen herauszukitzeln.  So wurden z. B. drei Stockwerke des so genannten Bücherturms für euch zur „Selbstbedienung“ geöffnet.Wie ihr an dem Bild erkennen könnt, war der Lesesaal ursprünglich richtig hübsch und lichtdurchflutet. Die merkwürdige Zwischendecke, auf der jetzt eure Arbeitsplätze sind, wurde erst nachträglich eingezogen. Warum? Richtig, aus Platzmangel. Und da sich damals noch niemand vorstellen konnte, dass man zum Studieren mal Strom für einen tragbaren Computer brauchen könnte, sind dort Steckdosen Mangelware.

Sesam öffne dich

Nachdem die Bauarbeiten wegen eines harten Winters pausieren mussten, wurde am 1. Juni 1964, also heute vor 55 Jahren, endlich eröffnet. Bei der Feier wurden schöne Reden geschwungen und ein großer Schlüssel an den Bibliotheksdirektor überreicht, der „das Zepter für den Direktor dieser Anstalt“ sein sollte, wie Kanzler Fritz Eichholz in seiner Festrede vorschlug. Dennoch wurde aus der Bibliothek keine geschlossene Anstalt und aus den Direktoren keine Regenten. Trotzdem schade, dass dieser dekorative Türöffner nicht den Weg ins Universitätsarchiv gefunden hat. Vielleicht würde sich damit irgendwo im Keller hinten links noch eine Geheimtür öffnen lassen – am besten mit den dringend benötigten Arbeitsplätzen für unsere Nutzer_innen.

Die Neue Mitte

Seit der Eröffnungsfeier hat sich in der ZB einiges getan. Inzwischen gibt es einen kleinen Freihandbereich, die Zettelkataloge sind digital und man darf sogar sein Pausenbrot im Lesesaal verspeisen. Doch eines ändert sich natürlich nicht: Die ZB ist zu klein für alle lesewilligen Studis der JGU. Daher hat der Wissenschaftsrat wieder einmal empfohlen, dass die Mainzer Unibib einen Neubau braucht. Natürlich soll auch dieser wieder in die Mitte des Campus, damit alle möglichst kurze Wege haben.

Übereinstimmend mit den bibliothekarischen Trends der 50er-Jahre ist diesmal ein großer Freihandbereich geplant. Aber auch neuere Moden sollen aufgegriffen werden: So wird es ausreichend Steckdosen und Leseplätze geben und auch die Gruppenarbeit, die an der Uni immer wichtiger wird, soll einen schönen Platz bekommen. Damit wir nicht so alleine sind, teilen wir uns das Gebäude unter anderem mit dem Studierendenservice und bekommen auch eine eigene Verpflegungsstelle. Denn die Arbeit mit Büchern macht bekanntlich hungrig. Aber leider ist beschlossen noch längst nicht gebaut, und so wird es wohl noch ein bisschen dauern, bis ihr das erste Buch aus den neuen Regalen ziehen könnt. Wer sich aber schon einen Eindruck von dem neuen Konzept verschaffen will, kann ja mal im neuen Lernzentrum im ReWi vorbeischauen. Dort zeigt sich schon im Kleinen, wie die Bibliothek in Zukunft aussehen könnte.

Und eine Bitte für die Zukunft hätte ich noch: Wenn es diesmal zur Eröffnung wieder einen großen Schlüssel gibt, gebt ihn doch hinterher bitte ins Archiv. ;)

 

Wenn ihr mehr über die Geschichte der UB wissen wollt, schaut doch mal in das neue Buch von Christian König: Mit einem Bücherhaufen fing es an

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Frank Hüther
Frank Hüther

Frank Hüther ist Doktorand der Geschichte und arbeitet im Universitätsarchiv.

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