Direkt zum Inhalt

Universitätsbibliothek Mainz

Handschriften unter Druck. Die spätmittelalterlichen Manuskripte des Gutenberg-Museums

So manch einer mag überrascht sein, dass das Gutenberg-Museum neben den beiden inzwischen digitalisierten Ausgaben der Gutenberg-Bibel und zahlreichen heraus­ragen­den Druckwerken aus sieben Jahrhunderten auch über einige spätmittelalter­liche Hand­schrif­­ten aus dem 15. und 16. Jahrhundert verfügt. 17 davon wurden im Rahmen des DFG-Projektes „Digitalisierung mittelalterlicher Handschriftenbestände in den rheini­schen Bischofsstädten Speyer, Worms und Mainz“ an der Universitätsbibliothek Mainz einge­scannt und können nun über ‚Gutenberg-Capture‘ eingesehen werden.

Handschriften im Druckzeitalter

Auch wenn durch die bahnbrechende Erfindung Johannes Gutenbergs die Hand­schriften­­produktion in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts deutlich zurückging, so verging doch eine geraume Zeit bis sich der Druck gegenüber der Handschrift als primäre Überlieferungsform durchsetzen konnte. Bis ins 16. Jahrhundert lassen sich noch eine Reihe von Handschriften nachweisen, die von fleißigen Mönchen in den Klosterskriptorien oder von Auftragsschreibern in Schreibwerkstätten nahezu zeitgleich zu den ersten Drucken angefertigt wurden. Zu den spätmittel­alterlichen Manuskripten im Besitz des Gutenberg-Museums gehören sowohl liturgische Hand­schrif­­ten wie ein Graduale (GM Hs 47) als auch Gebets­handschriften (GM Hs 8) und astrologische Sammelbände (GM Hs 2). 

Drei Jünglinge im Feuerofen

Als augenfälliges Beispiel der spätmittelalterlichen Schreib- und Malkunst gilt hier die Handschrift GM Hs 1, eine illustrierte Historienbibel mit den freien Bearbeitungen der alttestamen­tarischen Bücher Ezechiel, Daniel und Habakuk. Die als Erbauungs-, Schul- und Geschichts­bücher konzipierten handschriftlichen Historienbibeln erfreuten sich im gesamten späten Mittelalter einer großen Beliebtheit, bis sie gegen Ende des 15. Jahr­hunderts von den gedruckten deutschsprachigen Bibeln verdrängt wurden. GM Hs 1 enthält einen Auszug aus einer solchen handschriftlichen Historienbibel, die 1464 in Eberau im Burgenland von einem Schreiber namens Heinrich Wolf in deutscher Sprache nieder­geschrieben wurde. Sie zeichnet sich vor allem durch zwölf ausdrucks­starke Bild­initialen und Miniaturen aus, die u.a. die drei Jünglinge im Feuerofen (Bl. 162rb), den Wahnsinn Nebukadnezars (Bl. 163rb) oder Daniel in der Löwengrube (Bl. 165va) zeigen. Bei der besagten Handschrift im Gutenberg-Museum handelt es sich aber nur um einen kleinen Ausschnitt aus einem weitaus umfangreicheren Manuskript mit allen Büchern der Heiligen Schrift. Weitere Teile aus der gleichen illustrierten Historienbibel werden heute in der Staats­bibliothek in Berlin (mgf 567a-c) sowie in der New York Public Library (Spencer Collection, Ms. 52) aufbewahrt.  

Daniel in der Löwengrube
Mehr...

Daniel in der Löwengrube

Handschriften und Drucke in gemeinsamen Sammelbänden

Anfang Preparamentum christiani hominis ad mortem

Die meisten der im Gutenberg-Museum aufbewahrten Manuskripte werden jedoch gemeinsam mit den Inkunabeln und Drucken des 16. Jahrhunderts in einem Band über­liefert. Viele dieser gemisch­ten Sammelbände stammen aus Mainzer Klöster und so be­in­halten auch die handschriftlichen Teile mehrheitlich geistliche Texte, wie z. B. die vier Evan­gelien­ (Ink 2347), Gebete (Ink 2250 und GM Hs 12) oder Marienpredigten (Ink 2340). 

Eine besonders spannende Bindeeinheit bildet dabei Ink 2117, die der Jurist, Kanoniker und Rektor der Mainzer Universität Johann Adam Freyspach (ca. 1585–1651) dem Mainzer Kapuzinerkloster vermachte. Mit großer Wahrscheinlichkeit stammt der Sam­melband aus seinem Kölner Exil, wohin sich Freyspach von 1631 bis 1635 mit einer Gruppe von Professoren und Studenten zurückzog, als Mainz im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden besetzt wurde (Zu Freysprach vgl. auch Schmitz [2020], S. 200–215 sowie Ottermann [2011], S. 47–50).   

Neben dem 1503 bei den Erben von Heinrich Quentell in Köln gedruckten ‚Tractatus consultatorii‘, einer Sammlung kleiner Schriften zu praktisch-theolo­gischen Fragen des Kölner Universitäts­rektors Heinrich von  Gorkum (1378-1431) und dem ‚Prepara­mentum christiani hominis ad mortem‘, einer um 1502 bei Herman Bumgart ebenfalls in Köln gedruckten und von Wilhelm Zewers bzw. Guilelmus Textor (um 1420–1512) zusammen­gestellten christlichen Sterbelehre, findet sich in Ink 2117 darüber hinaus eine Hand­schrift. Sie wurde wohl erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts zu Papier gebracht und  enthält mit der ‚Gesta trium regum‘ eine der populärsten Kölner Dreikönigs­legen­den, die auf den Karmeliter Johannes von Hildesheim (1310/20–1375) zurückgeht. Auf Köln als Ent­stehungs­ort der Handschrift weisen aber nicht nur Erzählung und mitüberlieferte Drucke, sondern auch die in Gold eingebettete blütenförmige Initiale auf dem ersten Blatt (Bl. 1r).

Eingangsinitiale
Mehr...

Eingangsinitiale

Die beiden vorgestellten Handschriften bzw. Handschriftenteile in Ink 2117 und GM Hs 1 aus dem Gutenberg-Museum machen dabei deutlich, dass die Hand­schriften­­­tradition mit dem Buchdruck keinesfalls abrupt endete, sondern dass beide Überlieferungs­formen eine Weile gleichwertig fortbe­standen. Selbst nach dem Siegeszug der schwarzen Kunst im 16. Jahrhundert konnte die Handschrift dem Druck zumindest in einigen Bereichen noch eine gewisse Zeit standhalten.

Text: Dr. Marco Brösch, Gutenberg-Museum Mainz

Weitere Infos und Beiträge zum Thema

Kontakt

Mehr...
Dr. Christian George
Dr. Christian George