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Universitätsbibliothek Mainz

30.04.2020

„What the fake“ – was Fußballer, Hobbits und Steinläuse gemeinsam haben

Die Fußball-Europameisterschaft wird ins Jahr 2021 verschoben, Länderspiele finden nicht statt, die Qualifikationsspiele der Frauen sind vorerst abgesagt und auch die Bundesliga beginnt frühestens wieder im Mai – frühestens! Genügend Zeit, um der Geschichte des Fußballspiels endlich mal auf den Grund zu gehen. Ich mache mich auf die Suche.

Die Bib ist zurzeit genauso verschlossen wie das Stadion. Material müsste es online aber genug geben. Oder in meinem Bücherregal. Ausgangspunkt sind für mich dabei erst mal ein paar Nachschlagewerke. Aber auf was muss ich achten, wo soll ich beginnen? Kann ich wirklich allem trauen, was im Lexikon steht, oder gibt’s schon bei der Recherche Finten, Fouls und Abseitsfallen? Verabschiedet Euch schon mal von alten Gewissheiten.

Es war einmal...

Bisher dachte ich, der Fußball komme ursprünglich aus England, aber ein Kommilitone (Altphilologe mit Herz und Seele) gab mir einen entscheidenden Tipp: „Schau doch mal im Neuen Pauly nach, der Bibel von uns Althistorikern – da findest Du unter Apopudobalia einen ersten Hinweis. Der Sport ist viel älter als Du denkst ...“ Sein Augenzwinkern hielt ich da noch für einen nervösen Tic.

Also schaue ich in den Band A – Ari (Der Neue Pauly, Band 1) und siehe da, auf Seite 895 finde ich tatsächlich den Hinweis, dass Fußball bis ins 4. Jahrhundert v. Chr. nachzuweisen ist. Erwähnt in den Fragmenten des griechischen Schriftstellers Achilleus Taktikos.

Der Sport sei dann von den römischen Legionen nach Britannien gebracht worden, um zwischenzeitlich in Vergessenheit zu geraten; aber spätestens im 19. Jahrhundert habe er endgültig seine bis heute andauernde Faszination entwickelt. Komisch – aber wenn es im Neuen Pauly steht, muss es ja wohl stimmen. Und weiterführende Literatur gibt es auch. Eine Festschrift für M. Sammer. Die werde ich mir bei Gelegenheit mal ausleihen.

Hobbits spielen kein Fußball

Um mir das Ganze etwas zu verdeutlichen, hole ich meinen historischen Atlas, den Putzger, aus dem Regal – vielleicht kann ich den Weg des Sports ja anhand der Karte nachverfolgen. Ich finde hier auf einmal Städtenamen wie Hobbingen, und auch eine Schlacht gegen Saruman wird erwähnt, aber nichts zu meinem Sport. Schade. Moment mal! Saruman? Ich dachte immer, der gehört ins Reich der Literatur – da war doch irgendwas mit Hobbits und einem Ring. Hat er etwa einen historischen Hintergrund? Tolkien hat sich bei sowas ja immer viel Mühe gegeben. Muss ja wohl so sein, sonst stünde er hier nicht drin.

Kein Respekt vor Autoritäten

So viele Nebenschauplätze, so viele interessante Hinweise. Und so vertiefe ich mich immer weiter in die Literatur und verliere mein Hauptthema ein wenig aus den Augen. Das wird ja auch immer spannender! Und Gewährsleute gibt es überall. Und so lande ich auf der Suche nach einem Buch zum Thema Ausgrabungen und stolpere über den Band Der Bagger in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Zweites internationales Symposium für angewandte Baggerologie, herausgegeben von Roland Dorn. Also, wenn das kein Grundlagenwerk ist, dann weiß ich‘s auch nicht. Aber ist das wirklich seriös, kann ich das zitieren?

Wahrscheinlich wurde mit einem der dort erwähnten Bagger sogar die Petrophaga lorioti entdeckt und ausgegraben. Denn eine Erstbeschreibung derselben fand angeblich 1983 statt. So jedenfalls steht es auf Seite 1728 in der 260. Auflage des Pschyrembel, einem medizinischen Nachschlagewerk. Weitere Nachforschungen würden jetzt aber wirklich zu weit führen, und mit Fußball hat das längst nichts mehr zu tun.

Ist das echt, oder kann das weg?

Nicht immer sind die Fakes so gut zu erkennen. Sie beschränken sich auch nicht nur auf die Literatur, sondern sind auch an anderen Stellen, so zum Beispiel im Bundestag (recherchiert doch mal den Abgeordneten Jakob Maria Mierscheid) oder bei den Juristen zu finden. Der Verfassungsrechtler Friedrich Gottlob Nagelmann hat es sogar zu einer Festschrift gebracht: Das wahre Verfassungsrecht.

Aber wie kann ich mich davor schützen, bei meiner Recherche aufs Glatteis geführt zu werden? Worauf muss ich generell bei der Recherche für Haus- und Abschlussarbeiten achten?

Abwehrkräfte stärken

Guter Rat ist gar nicht teuer, denn Antworten und Hilfe gibt es beim Projekt Akademische Integrität. Damit Ihr nicht die rote Karte von Eurem Prof gezeigt bekommt, empfehle ich Euch einen Besuch der Kurse des Projektes (demnächst auch online). Dort lernt Ihr, wie man seriöse von unseriösen Quellen unterscheiden kann, wie Ihr richtig zitiert und vieles mehr. Und das dauert auch nicht länger als ein Fußballspiel.

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Stephan Jung
Stephan Jung

Stephan Jung arbeitet seit 20 Jahren in der UB und verteilt seine Arbeitszeit gerecht auf die Zentralbibliothek und Bereichsbibliothek MIN.

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