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Universitätsbibliothek Mainz

25.06.2021

Trolls Vermächtnis

Schon Cicero wusste: „Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen.“ Dabei hat er bestimmt nicht an den Botanischen Garten der Uni Mainz gedacht, verkehrt ist sein Gedanke aber definitiv nicht. Was wäre die JGU ohne ihre eigene grüne Lunge? Fragt sich nur noch: Wem haben wir diesen Ort, der für viele den ruhigen Gegenpol zum hektischen Campus bildet, überhaupt zu verdanken?

April 1946. Auf einem klapprigen Schreibtisch in einem kleinen Zimmer stapeln sich bedrohlich die Klassenarbeiten vor Wilhelm Troll, der sehnsüchtig durchs winzige Fenster auf die Bäume dahinter blickt. Vor einem Jahr war er noch Professor für Botanik und Direktor des Botanischen Gartens in Halle. Bis man ihn nach Kriegsende in einen Zug nach Westen setzte. Plötzlich fand er sich in der tiefsten Provinz, nämlich in Kirchheimbolanden, als Bio-Lehrer wieder. Für ihn ist es nicht das Gelbe vom Ei, er will eigentlich nur nach Halle zurück. Keinen Monat später erhält er den Ruf an die JGU, den Auftrag zum Aufbau eines Botanischen Gartens inklusive. Es kommt ihm wie die Erlösung vor.

(Fast) aus dem Boden gestampft

Bei der Gründung der neuen Mainzer Uni 1946 sah das Gelände, auf dem der Botanische Garten mal entstehen sollte, eher nach einer graubraunen Einöde aus, durchzogen von Schützengräben wie Gänge eines Ameisenbaus. Haufenweise Nichts, soweit das Auge reichte. „Und wie soll ich hier einen Botanischen Garten aufbauen?!“, muss sich Troll bei diesem Anblick gedacht haben. Wenigstens musste er das nicht alleine stemmen; der Gärtner Max Top, ein alter Freund Trolls, ließ ihn auch jetzt nicht im Stich.

brachliegende Fläche des späteren Botanischen Gartens
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Quelle: Universitätsarchiv

Aber wie macht man aus einer grauen Einöde einen blühenden Garten? Als wäre das nicht schon genug, gehörte das gewünschte Gelände, auf dem sich der Botanische Garten auch heute noch befindet, damals nicht einmal der JGU, sondern zwei Kirchengemeinden. Denen konnte man zum Glück zwei andere Flächen zum Tausch anbieten. Die Verhandlungen zogen sich trotzdem quälend langsam hin – bis ins Jahr 1950. Ja, auch damals mahlten die Mühlen der Verwaltung mit Bedacht. Um zumindest irgendwas Botanisches an der JGU zu haben, wurden auf allen freien Stellen in der Nähe der Saarstraße zwischendurch Bohnen und Kartoffeln angebaut! Die kamen in der Mensa dann auf den Teller, was gleichzeitig die leeren Mägen der Studierenden im vom Krieg verwüsteten Mainz füllte. So geht Nachhaltigkeit!  

Ab ins Beet!

1950 war es endlich so weit – die Arbeiten konnten beginnen! Und dabei, damals selbstverständlich, mussten die Studierenden mit anpacken. 150 Stunden pro Nase schufteten sie sich bei den Aufbauarbeiten der Uni Mainz die Hände wund. Stellt euch mal vor: Raus aus dem Seminar, Ärmel hochgekrempelt, die Schaufel in die Hand genommen und ab auf die Baustelle! Das hieß hier vor allem, tonnenweise Erde bewegen, um die Schützengräben zuzuschütten und fruchtbaren Boden zum Pflanzenanbau ranzuschaffen. Dafür war die Schlacke aus dem Uni-Heizwerk, die damals in rauen Mengen anfiel, genau richtig. Für die schwerste Arbeit gab es übrigens ein Pferdegespann, das erst 1954 durch einen Traktor ersetzt wurde – eigentlich schade, oder?

Nach dem zähen Start entwickelte sich der Botanische Garten jetzt mit riesigen Schritten. War man zu Beginn noch völlig abhängig von Schenkungen – zum Beispiel vom berühmten Palmengarten in Frankfurt –, konnte Troll 1958 stolz feststellen, dass der Mainzer Botanische Garten international Grünanlagen mit seinem Saatgut versorgte. Die Dozierenden des Botanischen Instituts brachten immer neue Pflanzen von Auslandsreisen mit, unter anderem aus der Mittelmeerregion oder Südamerika. Mit seinem Artenreichtum von rund 12.000 (heute etwa 8.500) Pflanzen war der Botanische Garten bald genauso ein Symbol für das Aufblühen der JGU als Landesuniversität von Rheinland-Pfalz. Und brachte Wilhelm Troll großen Respekt und viel Sympathie ein: Als dieser 1953 einen Ruf nach Berlin erhielt, veranstalteten seine Studierenden tatsächlich einen Fackelzug zu seinem Haus, um ihn zum Bleiben zu bewegen! Das wäre heute undenkbar. Ob es an dieser Aktion lag oder nicht, Troll blieb bis zu seiner Emeritierung 1966 an der Uni Mainz.

Porträt Wilhelm Troll
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Quelle: Universitätsarchiv

Wilhelm Troll

Umtopfen! Ein Neubeginn

Nachdem Troll sich in den Ruhestand verabschiedet hatte, änderte sich die Nutzung des Botanischen Gartens. Die Nachfolgerinnen und Nachfolger des Urgesteins befassten sich immer weniger mit der Grünanlage – sie hatten andere Forschungen im Kopf. Was nicht heißt, dass der Botanische Garten verdorrte: Dank engagierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und der spendablen Förderung durch einige Mainzer Gelehrte gedieh er weiter. Besonders die Troll-Schülerin Barbara Haccius verdient hier einen (grünen) Daumen nach oben.

Dennoch war klar, dass der Botanische Garten auf Dauer Gefahr lief einzugehen: Um die Finanzierung zu rechtfertigen, musste eine neue Aufgabe her – ein verbreitetes Problem im Hochschulbetrieb. So suchte man sich Anfang der 1990er-Jahre eine weitere Zielgruppe für das Gelände: die breite Öffentlichkeit. Denn nicht nur Studierende entspann(t)en sich dort gerne, auch für die Mainzerinnen und Mainzer lud der Botanische Garten zur Erholung vom Alltagsstress ein.

Dafür hieß es aber erst mal: Umtopfen! Aus dem akademischen Hochbeet dorthin, wo das breite Publikum spazieren geht. Das war alles andere als einfach, bis dato war der Botanische Garten nur für Forschungszwecke genutzt worden und übersäht mit Begriffen wie „Systematische Abteilung“, „Arboretum“ oder „Gymnospermen-Abteilung“. So wurden in der ganzen Grünanlage Erklärungen verfasst, Tafeln aufgestellt und die Tore von Trolls Heiligtum fürs breite Publikum geöffnet. Regelmäßig gab es auch Führungen durch die Pflanzenwelt, um den Besucherinnen und Besuchern die umfangreiche Flora vor Augen zu führen. Im Sommer wurde sogar ein Pflanzenmarkt veranstaltet. Kurzum: Der Botanische Garten wagte mehr Öffentlichkeit.

Grün macht Schule

Zugegeben, besonders viel habe ich von der oft trockenen Theorie im Bio-Unterricht in der Schule damals nicht mitgenommen. Das Problem haben die Betreiber des Botanischen Gartens wohl auch irgendwann erkannt: Sie entschieden sich, Programme für Schulklassen anzubieten.

So konnte man gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die nüchterne Theorie mit Praxis aufpeppen, das Umweltbewusstsein der kommenden Generationen bei einem Besuch im Grünen stärken und natürlich wollte man sichergehen, dass niemand den Botanischen Garten, und damit die Uni, vergisst. Für den Unterricht baute man gleich ein eigenes Gebäude, die Grüne Schule. Der Bau mit den bunten Stühlen liegt schräg gegenüber des SBII.

Wenn Troll seinen Botanischen Garten heute wiedersehen würde, wäre er wahrscheinlich ziemlich überrascht, dass sein Vermächtnis nach so langer Zeit weiter grünt. Nach Ciceros Leitspruch haben wir auf jeden Fall allen Grund, ihm für seine Plackerei damals dankbar zu sein. Ich jedenfalls werde die Erinnerung an den Mainzer Botanischen Garten an meinen neuen Studienort an der Uni Bonn mitnehmen, wo Trolls Bruder, der Geograph Carl Troll, auch mal Rektor war.

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Karsten Welcher
Karsten Welcher

Karsten Welcher ist Masterstudent der Geschichte an der Universität Bonn und war bis April 2021 wissenschaftliche Hilfskraft im Universitätsarchiv Mainz.

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