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Universitätsbibliothek Mainz

Wasserzeichenabnahme

Im Beitrag "Lage, Lage, Lage. Was ist eigentlich ein Lagenschema?" wurde die Vorbereitung auf die Abnahme geschildert – ein bisschen Theorie vor der Praxis. Nachdem nun klar ist, wozu es all diese Vorbereitung braucht, geht es in diesem Beitrag um die Abnahme von Wasserzeichen aus einer Handschrift.

Wie läuft eine Abnahme von Wasserzeichen ab?

Für die Abnahme eines Wasserzeichens benötigt man verschiedene Materialien: Eine Leuchtfolie, mit der die Seite der Handschrift so durchleuchtet werden kann, dass die Seite flach liegen bleibt und man darauf zeichnen kann; Bleistifte verschiedener Härten, Lineal und schwarzen Fineliner; eine Schere und Pergamin (ein säurefreier Pergamentersatz, der milchig-durchsichtig ist).

Arbeitsplatz mit Leuchtfolie
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Arbeitsplatz mit Leuchtfolie

Suchen, finden, abreiben

Handschrift mit Wasserzeichen

Sobald das erste Wasserzeichen gefunden wurde, wird ein Pergaminbogen – weit entfernt von der Handschrift! – mit genügend Spielraum zugeschnitten und über die durchleuchtete Seite gelegt. Mit einem Bleistift wird dann so genau wie nur möglich die Form des Wasserzeichens auf das Pergamin übertragen. Außerdem müssen die Stegdrähte, die das Wasserzeichen umgeben und/oder durch es hindurch verlaufen, mit eingezeichnet werden. Diese Durchzeichnung wird dann beschriftet: Die Signatur der Handschrift, von welchem Blatt das Wasserzeichen abgenommen wurde, und um welches Wasserzeichen es sich handelt, muss vermerkt werden, um später Unklarheiten zu vermeiden.

Von demselben Wasserzeichen ist außerdem ein Abrieb anzufertigen. Für den Abrieb wird erneut das Pergamin auf die nötige Größe mit ausreichend Spielraum zugeschnitten und über dem Wasserzeichen platziert. Der Abrieb muss mit gleichmäßigem Druck angefertigt werden, damit das Wasserzeichen möglichst klar erkennbar ist – hier kommen die verschiedenen Härtegrade der Bleistifte ins Spiel: Je nach Papierzusammensetzung und je nachdem, wie deutlich sich das Wasserzeichen vom Rest des Blattes absetzt, kann ein härterer oder weicherer Bleistift von Vorteil sein. Auch beim Abrieb sind die umgebenden Stegdrähte nicht zu vernachlässigen. Abschließend wird der fertige Abrieb, genau wie die Durchzeichnung, mit Signatur, Folie der Handschrift und dem Kürzel des Wasserzeichens beschriftet, damit die beiden Abnahmen der Handschrift wie auch einander auf einen Blick zuzuordnen sind.

Durch die Abnahme auf zweierlei Arten erhält man eine Absicherung der Genauigkeit. Die Durchzeichnung ist leichter zu erkennen, kann aber Fehler enthalten: Irren ist schließlich menschlich. Der Abrieb hingegen bildet genau das ab, was im Papier enthalten ist; je nachdem, wie sich das Papier zusammensetzt, kann allerdings das Wasserzeichen nur sehr schwer zu sehen sein, und das macht einen Vergleich schwieriger.

Durchzeichnung und Abrieb eines Wasserzeichens
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Durchzeichnung und Abrieb eines Wasserzeichens

Mithilfe der Durchzeichnung kann nun bei allen folgenden Wasserzeichen abgeglichen werden, ob es sich um dasselbe Wasserzeichen oder ein anderes handelt. Wichtig ist hierbei, dass nicht nur das Wasserzeichen selbst, sondern auch die Platzierung der Stegdrähte übereinstimmen muss. Weicht das Wasserzeichen ab oder findet sich ein völlig neues Motiv, so beginnt der Prozess der Abnahme von Durchzeichnung und Abrieb, sowie Klassifizierung und Beschriftung erneut.

Die Anzahl von Wasserzeichen, die eine Handschrift enthält, variiert aufgrund verschiedener Faktoren: Je nach Format können weniger Bögen einen dickeren Codex bilden, in dem, z. B. in einem Oktavformat, das Wasserzeichen allerdings gevierteilt ist, wobei jeder Teil im Lagenschema vermerkt werden muss. Außerdem relevant ist die Zusammensetzung der Handschrift, die nicht nur ausmacht, wie viele Wasserzeichen sich allgemein darin befinden, sondern auch, wie viele verschiedene Wasserzeichen sich finden lassen. So ist es beispielsweise bei einer Urkundensammlung, die nachträglich zusammengebunden wurde, aber Jahrzehnte umfasst, sehr viel wahrscheinlicher, deutlich verschiedene Wasserzeichen zu finden, als bei einer Einzelschrift zu einem bestimmten Thema, die innerhalb eines sehr begrenzten Zeitraums angefertigt wurde.

Wozu man eigentlich Fineliner braucht und was mit den abgenommenen Wasserzeichen geschieht, erfahren Sie im nächsten Beitrag.

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Dr. Christian George
Dr. Christian George