Das dreidimensionale Objekt, ein Augenvotiv in Gestalt eines gebundenen Buchs, wurde dem Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin von seinem ehemaligen Direktor Prof. Dr. Gunter Mann (1924–1992) geschenkt.
Herkunft, Material und Alter sind unbekannt. Der haptischen Anmutung nach dürfte es sich um bemaltes Holz handeln, wobei der Farbauftrag an einigen Stellen abgeplatzt ist. Die Vergoldung des Buchblocks (der „Goldschnitt“) suggeriert eine gewisse Wertigkeit des nachgeformten Gegenstands. Zwei sich bedingende Elemente, optische Sinnesorgane und ein Objekt der Betrachtung bzw. Erkenntnis (Lesen) wurden in eine unmittelbare Verbindung gebracht.
Der Begriff „Votiv“ stammt aus dem Lateinischen. Das Wort „votum“ bedeutet Weihegeschenk oder auch Gelübde. Es handelt sich dabei um Gaben an eine Gottheit, einen Heiligen oder eine höhere Macht, mit denen um eine Gnadenhandlung gebeten oder für eine solche gedankt werden sollte. Wie archäologische Funde zeigen, wurden solche Votivgaben über Jahrtausende hinweg aus den unterschiedlichsten Gründen an diversen Kultorten niedergelegt. Hergestellt waren die als Weihegaben abgelegten Gegenstände aus verschiedensten Materialien, wobei meist nur solche aus Stein, Keramik oder Metall erhalten geblieben sind, während organische Substanzen wie etwa Wachs oder Holz eher dem Zahn der Zeit zum Opfer fielen.
Votivbilder finden sich hierzulande vor allem in Kirchen und Kapellen des süddeutschen Raums. Diese können völlig schlicht gehalten sein, wobei sich die Darstellungen auf Heilige oder den Anlass der Erkrankung sowie den Schriftzug „ExVoto“ beschränken, oder aber sehr detailreich ganze Geschichten erzählen. Wurden die Votivgaben zunächst Gottheiten dargebracht, empfangen im Christentum neben Jesus und Maria die Heiligen den Tribut. Abhängig vom jeweiligen Patronat richten sich die Gläubigen mit ihren Anliegen an die zuständigen Heiligen. Die Patronate, die sich auf Gesundheitsaspekte beziehen, kann man in etwa mit der Spezialisierung auf medizinische Fachgebiete im Arztberuf vergleichen. Abgeleitet wurden sie meist aus den Lebensumständen oder Todesursachen der Heiligen und Märtyrer:innen.
Die Hl. Apollonia, deren Attribut eine Zange ist, wird wegen Zahnleiden angerufen, Dionysius bei Kopfleiden (Er trägt seinen Kopf auf einem Tablett, da er enthauptet wurde), Vitus soll bei Krämpfen und Epilepsie helfen, Rochus und Sebastian gegen die Pest, um nur einige Beispiele zu nennen. Wenn das Anliegen der bittstellenden Person eine konkrete Krankheit betrifft, spiegelt sich dies häufig in der Votivgabe wider: Entweder wird die Erkrankung im Text des Votivbildes ausdrücklich benannt, oder das betroffene Körperteil ist bildlich dargestellt – manchmal sogar als dreidimensionales Modell, das vor dem oder der Heiligen niedergelegt wird. Gelegentlich wird auch der Gegenstand, der das Leiden verursacht hat, als Teil der Votivgabe überreicht.
Bei Augenleiden werden etwa 50 Heilige um Hilfe angerufen, darunter Odilia, Erhard von Regensburg, Kümmernis, Klara von Assisi, Lucia wie auch die Muttergottes. Insbesondere bei Odilia findet sich als Attribut ein Buch, offen oder geschlossen, auf dem ein Paar Augen liegt. Vor Odilias Hintergrund als Ordensfrau kann davon ausgegangen werden, dass es sich bei dem Buch um die Bibel handelt.
Es spricht also vieles dafür, dass es sich bei dem Mainzer Augenbuch um eine ursprünglich der Hl. Odilia gewidmete Votivgabe handelt. Wer allerdings zu welcher Zeit der Auftraggeber für die Votivgabe war, ist leider ebenso wenig bekannt wie der Ausgang dieser Krankheitsgeschichte.
Ergänzende Literatur:
Jaeger, Wolfgang: Augenvotive : Votivgabe, Votivbilder, Amulette. – Sigmaringen : Jan Thorbecke Verlag, 1979. – 80 S. : zahlr. Ill. ISBN 3-7995-3614-0
Theopold, Wilhelm: Votivmalerei und Medizin : Kulturgeschichte und Heilkunst im Spiegel der Votivmalerei. – München : Thiemig, 1978. – 172 S. : zahlr. Ill. ISBN 978-3-5210-4085-4
Kerler, Dietrich Heinrich: Die Patronate der Heiligen : ein alphabetisches Nachschlagebuch für Kirch-, Kultur- und Kunsthistoriker sowie für den praktischen Gebrauch des Geistlichen. – Hildesheim : Georg Olms Verlagsbuchhandlung, 1968. – V, 498 S.
Kriss-Rettenbeck, Lenz: Das Votivbild. – München : Verlag Georg D. W. Callwey, 1961. – 185 S. : zahlr, Ill.
Kultische Anatomie : etruskische Köperteil-Votive aus der Antikensammlung der Justus-Liebig-Universität Gießen (Stiftung Ludwig Stieda) / Ferdinand Peter Moog ; Matthias Recke. – Ingolstadt : Deutsches Medizinhistorisches Museum, 2008. – 157 S. : Ill. – (Kataloge des Deutschen Medizinhistorischen Museums ; 31)