Ein zentrales Thema in unserem Handschriftenprojekt ist die Erfassung der Wasserzeichen. Die Bedeutung von Wasserzeichen in mittelalterlichen Handschriften haben wir in unserem letzten Beitrag schon vorgestellt. Doch wie genau läuft die Auseinandersetzung mit den Wasserzeichen im Zuge der Handschriftenerschließung ab? Soviel schon vorab: Eine wichtige Rolle spielt dabei die Anordnung der Papierbögen innerhalb der Handschrift, das so genannte Lagenschema.
Was ist eigentlich ein Wasserzeichen und wie kommt es ins Papier?
Der Arbeitstag beginnt meist gleich: Laptop hochfahren, Mails checken, Bearbeitungsliste aktualisieren, und schließlich die eigenen Notizen öffnen. Für gewöhnlich notiere ich mir, was meine nächsten Arbeitsschritte sind: was zu korrigieren ist, wo ich weitersuchen möchte. Auf den ersten Blick funktioniert die Arbeit mit Wasserzeichen wie andere Bürojobs auch – richtig spannend wird es dann, wenn die Handschriften aus dem Tresor geholt werden.
Vorbereitungen vor der Abnahme der Wasserzeichen getroffen?
Zuerst müssen die Angaben zur Handschrift durchgesehen werden: Hat sie bekannte Schäden, wegen derer man besonders aufpassen muss? Wie weit ist der Öffnungswinkel angesetzt? Die Handschrift wird aus dem Tresor auf angeschrägte Polster gebettet, die es erleichtern, geringe Öffnungswinkel einzuhalten und zu blättern, ohne dass der Buchrücken strapaziert wird. Bei der ersten Durchsicht wird nach einer möglichen Datierung im Handschrifteninneren gesucht, meist auch schon stichprobenartig die ein oder andere Seite durchleuchtet, um erste Hinweise auf die verborgenen Wasserzeichen zu finden.
Für jede bearbeitete Handschrift wird dann ein Lagenschema angelegt, in dem alle wichtigen Informationen zusammengetragen werden und eine Lagenbestimmung vorgenommen wird, sodass man gefundene Wasserzeichen problemlos zuordnen kann. Wie genau ein Lagenschema aussieht, wird später erläutert; zunächst muss jedoch der Begriff der ‚Lage‘ erklärt werden. Eine Lage setzt sich aus zusammengebundenen Papierblättern zusammen, und kann je nach Format der Handschrift und Anzahl der gebundenen Bögen variieren. Wieso genau ist das aber so wichtig für unsere Arbeit mit den Wasserzeichen?
Formate und Lagen – wozu das alles?
Ein Papierbogen des Mittelalters ist im Normalfall weitaus größer als es bei unseren heutigen Buchformaten der Fall ist – man denke eher an ein Din-A3 oder A2-Format. Der Bogen wird in der Mitte gefaltet und so entstehen zwei Blätter mit insgesamt vier Seiten aus einem Papierbogen. Da das Wasserzeichen eher auf einer Hälfte des Papierbogens anzusiedeln ist als in der Mitte, entsteht durch den Prozess des Faltens also eine Seite, die ein Wasserzeichen enthält, und eine, die keines enthält. Die beiden Seiten sind im Falz verbunden, da sie aus einem Bogen bestehen. Im Folio-Format bleibt es nun bei diesem einen Mal Falten; es werden dann eine bestimmte Anzahl an Papierbögen aufeinandergelegt und vernäht. Diese vernähten Bögen bilden eine Lage, deren Lagenmitte durch die Bindefäden im Mittelfalz gekennzeichnet ist. Wo bei Folio nur einmal gefaltet wird, wird für ein Quartformat zweimal gefaltet, immer von der kurzen Seite des Bogens her. Es entstehen hier aus einem Bogen also vier Blätter mit acht Seiten. Das Wasserzeichen befindet sich hier also im Falz zweier Seiten. Für ein Oktav-Format wiederum wird ein Papierbogen dreimal gefaltet, sodass acht Blätter mit 16 Seiten entstehen, von denen vier Seiten jeweils einen Teil des Wasserzeichens tragen: Zwei Seiten am oberen Rand, zwei am unteren Rand. Auch bei Quart und Oktav lässt sich die Lagenmitte anhand der Bindefäden erkennen, soweit der Öffnungswinkel erlaubt, diese zu sehen. So genannte Reklamanten können, wo sie benutzt werden und nicht abgeschnitten wurden, zur Erkennung des Endes einer Lage behilflich sein. Unter Reklamanten versteht man die Angabe des ersten Wortes der Folgeseite. Sie sind im Normalfall an der rechten unteren Ecke des Blattes zu finden und dienen dazu, die richtige Reihenfolge der Seiten beim Zusammensetzen der Handschrift sicherzustellen.
Das Format der Handschrift verrät nicht nur, wie die Lagen aufgebaut sein sollten, sondern ist auch wichtig, um die Lage des Wasserzeichens auf dem Papier abschätzen zu können. Die meisten der im Zuge dieses Projekts behandelten Papierhandschriften fallen unter eines der drei gängigsten Formate: Folio, Quart oder Oktav.
Das Ziel: Verarbeitung der Informationen im Lagenschema
Einzutragen sind unter anderem die Signatur der Handschrift sowie die derzeitig besitzende Institution bzw. Aufbewahrungsort. Wird eine Datierung gefunden, so wird auch diese vermerkt. Alles ‚Ungewöhnliche‘ wird in den Bemerkungen für die Handschriftenbearbeiterin notiert. Wie aufwändig das Erstellen des eigentlichen Lagenschemas ist, kommt dann auf die Zusammensetzung der Handschrift an: Welches Format hat die Handschrift, wie müssen also die Papierbögen logisch gefaltet und so miteinander verbunden sein? Wo ist die Lagenmitte und wie viele Lagen gibt es insgesamt; wurden Blätter hinzugefügt oder abgeschnitten? Ist die Handschrift foliiert, wird also jedes Blatt gezählt, oder paginiert, also – wie wir es heute in Büchern gewohnt sind – jede Seite eines Blattes? Die für dieses Projekt erstellten Lagenschemata basieren auf einer Vorlage des Handschriftenzentrums Leipzig – von uns mit sehr herzlichem Dank verwendet.
Wurden die Lagen dann festgelegt und in das Lagenschema eingetragen, so kann die Handschrift nach Wasserzeichen durchsucht werden, die klassifiziert, also in die jeweilige Motivgruppe eingeordnet, und ebenfalls im Lagenschema vermerkt werden, sodass die Verteilung der Wasserzeichen in der Handschrift klar erkennbar ist. Ist eine Lagenaufteilung uneindeutig, können die Wasserzeichen zur Klärung beitragen, sofern kein Blatt hinzugefügt oder weggenommen wurde.
Damit ist der ‚theoretische‘ Teil der Arbeit abgeschlossen. Jetzt kann die Abnahme der Wasserzeichen aus der Handschrift beginnen. Mehr dazu erfahren Sie im nächsten Beitrag.
Text: Lea Müller